Die „Insel der Phantasie“ ist bislang nur ein schöner Traum. Dabei klang es so vielversprechend, was der chinesische Glücksspielmogul David Chow der kapverdischen Regierung offerierte. Man könne doch die Ilhéu de Santa Maria in Sichtweite der Hauptstadt Praia in ein luxuriöses Zockerparadies verwandeln, mit einem riesigen Boutiquehotel, Casinos, Restaurants und eigenem Jachthafen!
250 Millionen Euro wollte der Geschäftsmann für die Umgestaltung des Inselzwerges locker machen, der einst vom Zoll und als Quarantänestation genutzt wurde. Doch seit Unterzeichnung der Verträge hat sich auf dem Inselchen vulkanischen Ursprungs nicht viel getan.
Die Luxusherberge mit ihrer an europäische Ritterburgen erinnernde Architektur, die spielwütige Kundschaft nach Santiago locken soll, besteht bislang nur auf dem Papier. Und die historischen Lagerhäuser trotzen während der langen Trockenzeit weiterhin den Winden aus der Sahara, die den Himmel über Santiago in einen gelblichen Farbton tauchen.
Inhaltsverzeichnis
Die Kapverden: Neun Inseln für jeden Geschmack
Dabei hatte die größte Insel des westafrikanischen Inselstaates so sehr auf chinesische Geburtshilfe gehofft – im Bestreben, Santiago auf die touristische Landkarte zu hieven. Seitdem vornehmlich Europäer den Archipel in den Weiten des Atlantiks als Sehnsuchtsziel entdeckt haben, das mit reichlich Sonne und angenehmen Wassertemperaturen an 365 Tagen im Jahr aufwarten kann, wächst die Zahl der Touristen ständig.
Nur, dass die neun bewohnten Inseln sehr ungleichmäßig vom touristischen Kuchen profitieren.
Sal und Boavista, beide flach wie eine Flunder, haben sich dank ihrer kilometerlangen Traumstrände in ein Dorado für Sonnenanbeter und Wassersportfans verwandelt. Dort wird eine All-inclusive-Anlage nach der anderen aus der staubigen Erde gestampft.
Fogo, das feurige Eiland mit dem 2.829 Meter hohen Pico do Fogo zieht vor allem Himmelsstürmer an, die einmal im Leben einem meist schlafenden, aber gelegentlich heftig rumorenden Vulkan zu Leibe rücken wollen.
Santo Antão im Westen des Archipels, ist das Wanderparadies schlechthin, wo sich vulkanische Mondlandschaften zu mystischen Nebelwäldern, üppigen Tälern voll tropischer Pflanzen und spektakulären Küstenpfaden gesellen.
Und São Vicente ist für seine pulsierende Kulturszene bekannt
Santiago: die größte Insel der Kapverden
Santiago kennen die meisten Kapverden-Urlauber höchstens wegen des internationalen Nelson Mandela-Flughafens und des Hafens in Praia, wo die Fähren zu den sogenannten Ilhas de Sotavento, den Inseln unter dem Wind, ablegen.
Dabei ist das 991 Quadratkilometer große Eiland sowohl historisch, als auch landschaftlich ein wahres Schmuckstück. Nirgendwo sind die Farben, Gerüche und Klänge Afrikas intensiver als auf Santiago, wo die „Bandios“, die Nachkommen entlaufener Sklaven, das kulturelle Erbe ihrer aus Afrika verschleppten Vorfahren pflegen.
Santiago: ein Kind der Vulkane im Greisenalter
Santiago ist ein Kind der Vulkane, das längst das Greisenalter erreicht hat. In Jahrmillionen haben Wind und Wetter das Eiland zerrupft und es wie ein zerknülltes Stück Papier zurückgelassen. Das macht jede Tour über die Insel zu einer Achterbahnfahrt. Jede Straße zwingt dem Autofahrer einen Serpentinenslalom auf; jede Passhöhe wird zur Prüfung der eigenen Fahrkünste.
Von all der Herrlichkeit des Vulkans blieben nur Zacken und Zinken, Stelen und Obeliske, Mini-Matterhörner und rund geschliffene Gipfel übrig, deren Silhouette an Bienenkörbe erinnert. Alles liegt unter einem dichten Pelz aus tropischem Grün mit Bougainvilleen, Hibiskus und Hunderttausenden von Akazien. Die stabilisieren den Boden, dienen den streunenden Kühen, Schafen und Ziegen als Nahrung und liefern den Menschen – ein Völkergemisch mit westafrikanischenWurzeln – Brennholz zum Kochen.
Santiagos höchster Berg: der Pico da Antónia
Wer das zerklüftete Inselinnere rund um den knapp 1.400 Meter hohen Pico da Antónia erkunden möchte, wo Felskletterer und Vogelbeobachter gleichermaßen ihr Paradies vorfinden, braucht vor allem eines: Zeit. Nur wenige Straßen sind asphaltiert; die meisten wurden mit Millionen rechteckiger Steine gepflastert, die einst als Ballast in den Galeonen der Portugiesen auf das Eiland kamen.
Santiago: keine Insel der Seligen
Trotz all der Üppigkeit der Natur: Eine Insel der Seligen waren die Kapverden nie, eher eine bitterarme Welt, die man unter Zwang verließ oder unter Zwang aufgebürdet bekam. Die wilde Topographie fordert ihren Tribut: Fast jedes Feld hat Steillage; fast jeder Landarbeiter verrichtet sein Tagwerk mit der Hacke, weil die Scholle nicht nur zu steil, sondern auch zu steinig für Traktoren ist. Die könnte sich ohnehin kaum jemand leisten.
Noch an den ruppigsten Abhängen krallen sich Maisstauden und Erdnusssträucher an die Erde. Jedes noch so kleine Fleckchen bringt Maniok, Süßkartoffeln, Papaya, Avocado, Guaven, Mangos, Bananen oder Zuckerrohr hervor. Ganze Bergflanken wurden mit Stützmauern terrassiert, andere mit Erdwällen eingeebnet, um die Bewirtschaftung zumindest ein wenig zu erleichtern.
Santiago: zwischen Lebensfreude und Verfall
Wirklich einträglich ist das Geschäft nicht. Kaum ein Haus in den abgelegenen Dörfern des Hinterlandes ist verputzt; kaum eines mit Blumen geschmückt, weil Flamboyants und Tamarinden ohnehin überall wie Unkraut wuchern.
In Assomada, der drittgrößten Stadt der Kapverden, bilden pulsierendes Leben und allgegenwärtiger Verfall ein verwirrendes Mosaik. Mit viel Wohlwollen könnte man das 14.000-Seelen-Städtchen als pittoresk bezeichnen, sieht man einmal von den gesichtslosen Häusern und dem chinesischen Billigplunder in der Markthalle ab, wo Landfrauen in buntem afrikanischen Ornat die Früchte ihrer Arbeit verkaufen.
Trotz all der greifbaren Armut leistet sich der Ort einen schmucken Hauptplatz mit Rathaus, Kirche, und WLAN, den sich die Denkmäler der Heiligen Jungfrau von Fátima und von Amílcar Cabral, den Vater der Nation und Befreier vom portugiesischen Joch, geschwisterlich teilen.
Santiago: entdeckt durch einen Venezianer
Als der in portugiesischen Diensten segelnde Venezianer Alvise Cadamosto im ausgehenden 15. Jahrhundert den Archipel vor Afrikas Westküste entdeckte, fand er keine Menschenseele vor. Nachfolgende Seefahrer tauchten das Insel-Dutzend auf den Namen Ilhas de Cabo Verde, grünes Kap – eine Bezeichnung, die keineswegs zum wüstenhaften Charakter etlicher Eilande passt.
Cidade Velha: Weltkulturerbe auf Santiago
Lange Zeit war Santiago – neben dem am Horizont sichtbaren Kegel des Nachbarn Fogo – die einzig besiedelte Insel des Archipels. Deshalb kann sie mit vielen historischen Orten punkten, wie beispielsweise der ältesten von Europäern gegründeten Siedlung in den Tropen: Cidade Velha, 1462 unter dem Namen Ribeira Grande gegründet, war der perfekte Brückenkopf in Portugals Kolonialreich, der ideale Ankerplatz für Schiffe mit Kurs Afrika oder Brasilien.
Traurige Berühmtheit erlangte die Stadt als Umschlagplatz für Abertausende Sklaven, die hier meistbietend in die Neue Welt jenseits des Atlantiks verhökert wurden. Seit 2005 zählt Cidade Velha zum Weltkulturerbe der UNESCO. Denn die in Ruinen liegende Kathedrale, der alte Pranger, Pelourinho genannt, sowie die liebevoll sanierte Kirche „Nossa Senhora do Rossário“ sind stumme Zeugen fürchterlicher Tragödien.
Wo Christoph Columbus betete
In dem im Jahr 1495 erbauten Kirchlein zu Ehren der Gottesmutter, dessen einziger Schmuck eine Handvoll blau-weißer Azulejos ist, betete einst Christoph Columbus, als er auf seiner dritten „Expedition nach Indien“ Station auf Santiago machte.
Später wurden in dem jungfräulich weißen Gotteshaus Heerscharen von Sklaven aus Westafrika zwangsgetauft, bevor sie wie Vieh in den dunklen, muffigen Schiffsleibern zusammengepfercht wurden – menschliche Wegwerfware, bestimmt für ein kurzes Leben voller Entbehrungen auf den Zuckerrohrfeldern Brasiliens und der Karibik.
Umschlagplatz des Sklavenhandels
Das königliche Monopol auf den Handel mit Sklaven und die Funktion als transatlantische Drehscheibe machten Ribeira Grande zu einem Ort mit geostrategischer Bedeutung. Allzu lange hielt die Blütezeit nicht an, weil der offenkundige Reichtum Begehrlichkeiten in England und Frankreich weckte. Nach ständigen Attacken durch Freibeuter, darunter auch Sir Francis Drake, wurde zwar mit dem Bau der Festung Real de São Filipe begonnen, doch der Niedergang der Stadt war nicht aufzuhalten.
Den Schiffskapitänen war ohnehin der sechs Seemeilen entfernt liegende Hafen Praia de Santa Maria lieber. Als Gouverneur, Bischof und Regierung im 18. Jahrhundert nach Praia umzogen, wurde aus Ribeira Grande Cidade Velha, die alte Stadt, wo sich Besucher wie in einem Geschichtsbuch fühlen.
Tarrafal: ein Ort mit schrecklicher Geschichte
Das furchtbare Geschäft, Menschen auf die abgelegene Insel zu verschleppen, hörte auch nach dem Ende der Sklaverei nicht auf. Es war der portugiesische Diktator Salazar, der auf Santiago ein Strafgefangenenlager errichten ließ, das seine Nähe zu deutschen Konzentrationslagern nicht verhehlen kann.
Wer immer dem Despoten nicht in den Kram passte, wer für Freiheit und Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonie kämpfte, sich gar für die Rechte der arbeitenden Klasse einsetzte, landete unweigerlich in den Baracken bei Tarrafal im Norden der Inseln.
Mit seinen überschwänglich blühenden Jacaranda-Bäumen und dem säuselnden Vogelgezwitscher könnte der Ort wahrlich ein idyllisches Fleckchen Erde sein. Doch in Wahrheit war das heute als Museum genutzte einstige Strafgefangenenlager eine Festung mit zinnengekrönten Mauern und tiefen Gräben; ein Bollwerk gegen revolutionäre Ideen, aufständische Gedanken und Forderungen nach mehr Demokratie.
Langsamer Tod im Strafgefangenenlager
Wer hier einmal landete, dem stand ein langsamer Tod bevor – durch Mangelernährung, fehlende medizinische Behandlung und mörderische Brutalität. Lagerleiter João da Silva hatte sich schließlich in deutschen Konzentrationslagern umgesehen und Lagerarzt Esmeraldo Pais Prata bekannte freimütig:
Ich bin nicht hier, um zu heilen. Ich bin hier, um Totenscheine auszustellen.
Wer die winzigen Einzelzellen aus Beton und ohne Fenster betritt, in die renitente Gefangene wochenlang gesteckt wurden, um ihren Willen zu brechen, sollte nicht an Klaustrophobie leiden. Die Insassen hatten den Kerkern, wo sie ohne Wasser bei brütender Hitze interniert wurden, bezeichnenderweise den Namen „Bratpfanne“ verliehen. Angeblich starben „nur“ 32 Gefangene im Lager Tarrafal. Es wurde 1975 endgültig geschlossen.
Tarrafal: der schönste Strand von Santiago
Es wirkt fast wie ein Hohn, dass zwei Kilometer weiter der schönste Strand von Santiago zu finden ist. Dort können sich Besucher bei einem Glas Grogue, dem kräftigen, traditionellen Getränk aus Zuckerrohrschnaps, vom schrecklichen Anblick des Campos erholen.
Das Meer schimmert türkis zwischen den nachtschwarzen Lavazungen. Die leicht lädierten Boote der Fischer dümpeln in der Bucht. Palmen, die sich im Wind wiegen, spenden Schatten. Abends spielen die Jungs des Ortes Fußball im Sand und träumen von einer Weltkarriere, während sich die Handvoll Touristen fangfrischen Thunfisch servieren lässt.
Noch döst der Tourismus in dem 18.000-Einwohner-Städtchen so friedlich vor sich hin wie die Köter in den Straßen. Noch lässt sich die Zahl der Hotels an einer Hand abzählen. Und noch immer stört nichts die Langsamkeit des Lebens, die allerdings auch dafür sorgt, dass die meisten Häuser wie Rohbauten aussehen und Tarrafal den Anschein des Halbfertigen hat.
Praia: die Haupstadt von Santiago
Nach dem beschaulichen Örtchen Tarrafal kommt einem die Hauptstadt Praia mit ihren 130.000 Einwohnern wie ein Moloch vor. Sogar Ampeln soll es in dieser Stadt geben, die eine bunte Mischung aus kolonialer Architektur, afrikanischer Tradition und einem fast schon mediterran anmutenden Lebensgefühl ist. Dafür sorgt die rhythmische Musik, die auf Plätzen, in Straßen und all den Bars erklingt.
Santiago: Kind der Vulkane im Greisenalter
Praia wirkt zwar genauso halbfertig wie Tarrafal, doch hier und da ist der touristische Aufschwung spürbar. Es gibt eine Handvoll hübscher Hotels, den neuen Flughafen sowie das Stadtviertel Plateau, das tatsächlich auf einer Art Plattform errichtet wurde.
Dort erzählen bonbonfarbene Herrenhäuser, die vor dem Verfall bewahrt wurden, von der Gründerzeit. Der im neoklassizistischen Stil erbaute Präsidentenpalast liegt versteckt in einem großen Park. Das Innere der Kathedrale Nossa Senhora da Graça erstrahlt in jungfräulichem Weiß.
Der afrikanische Markt im Stadtviertel Sucupira
Wer allerdings die Gerüche, Farben und das Stimmengewirr Afrikas erleben möchte, muss ins Stadtviertel Sucupira: Ob es getrocknete Chilichoten oder gebrauchte Klamotten sein sollen, ob die Frau von heute neue Haarzöpfe braucht oder Cremes in den verschiedensten Duftnoten, ob der Mann von Welt nach Reifen für seine Karre sucht oder eine neue Matraze für das Familienheim – auf dem Mercado de Sucupira wird jeder fündig.
Was du über Santiago wissen musst
Anreise: Flüge nach Santiago gibt es ab verschiedenen Städten via Lissabon
Einreise: Die Visumpflicht für die Kapverden wurde mit Gültigkeit vom 1. Januar 2019 abgeschafft. Dies gilt für einen Aufenthalt bis zu 30 Tage. Zeitgleich wurde eine Flughafensteuer, die TSA, eingeführt – die Höhe beträgt rund 30 Euro.
Die Steuer muss von jedem Reisenden individuell vorab entrichtet werden. Dafür ist eine Registrierung auf der Internetseite der Regierung erforderlich, um die TSA zu bezahlen. Erforderlich sind Informationen zur Identität, Reisedaten, Kontakt und das erste Hotel der Reise. Am Ende des Online-Formulars bezahlst du dann die Gebühr per Kreditkarte. Das Onlineformular ist in Englisch, Französisch und Portugiesisch verfügbar.
Übernachten: Die meisten Hotels und Guesthouses finden sich in Praia. Auch in Tarrafal finden sich Ferienvillen.