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Faial, Terceira und São Miguel: das Beste der Azoren

Hafen auf den Azoren, Portugal

Noch Europa oder schon Amerika? Die Frage zu den Azoren – für begeisterte Inselhüpfer wie wir – ist gar nicht so abwegig. Denn der Archipel mit seinen neun Inseln liegt direkt über dem Mittelatlantischen Rücken, wo die Eurasische, die Afrikanische und die Amerikanische Kontinentalplatte aufeinander treffen. Deren „Crashs“ sind für die vielen Vulkanausbrüche und Erdbeben in der Autonomen Region von Portugal verantwortlich. Corvo und Flores, die westlichen Außenposten des Archipels liegen auf der Amerikanischen Platte und driften jedes Jahr ein paar Zentimeter weiter weg.

Als große Fans von Fähren wären wir gerne mit ihnen von einer zu anderen Insel gehüpft. Doch die Azoren, diese ganz eigene Welt in den Weiten des Atlantiks, sind einfach zu dünn besiedelt, um ein gut geknüpftes Fährnetz zu unterhalten. Atlanticoline fährt einfach zu selten, um eine wirkliche Alternative zu sein. Und fliegen wollten wir nicht.

Mit der „Vasco da Gama“ zu den Azoren

Wir haben uns deshalb für eine Kreuzfahrt mit der „Vasco da Gama“ der Reederei Nicko Cruises entschieden, nicht weil wir Rundumbespaßung den ganzen Tag brauchen, sondern weil es nichts Schöneres gibt, als an Deck zu sitzen und dem Spiel der Wellen zuzusehen.

Die Vasco da Gama ist in heutigen Zeiten der schwimmenden Hoteldörfer eine erfreuliche Ausnahme. Sie ist ein eher kleines Schiff, was gleich mehrere Vorteile hat. Zum einen ist das Publikum eben nicht jenes vergnügungssüchtige Klientel, das jeden Abend Party auf dem Lido Deck machen möchte. Zum anderen kann die elegante Lady auch in Häfen anlegen, die großen Pötten verschlossen bleiben.

Malaga in Andalusien, Spanien

Malaga in Andalusien, Spanien
Ein letzter Blick auf Malaga, den Abfahrtshafen unserer Azoren-Kreuzfahrt.

Los geht es in Málaga, einer Stadt, auf die man mehrere Blicke werfen muss, bevor man ihre Reize entdeckt. Von dort geht es nach Gibraltar, dem ewigen Zankapfel zwischen Spanien und Großbritannien, und nach Madeira, dem blühenden Garten.

https://bruder-auf-achse.de/madeira/erceira
Willkommen auf den Azoren.

Kurs Nordwest bringt uns zu den Azoren, jenen Inseln vulkanischen Ursprungs, von denen jede einzelne sich äußerst reizvoll präsentiert. Vier Inseln wollen wir besuchen: Pico mit dem höchsten Berg Portugal, Faial, Terceira mit dem Schmuckstück Angra do Heroísmo und zuletzt die Hauptinsel São Miguel. Am Ende werden wir den Fuß auf drei Azoreninseln gesetzt haben und von der über 3.500 Seemeilen langen Reise die Erkenntnis mitnehmen: Jedes Eiland ist es wert, wiederzukommen.

664 Seemeilen: Von Funchal zu den Azoren

Eine unruhige Nacht liegt hinter uns. Keine Spur von jenem berühmten Azorenhoch, dem Hochdruck-Klassiker, der seinen Namen wohl nur dem Umstand verdankt, dass im Atlantik weit und breit kein anderer Bezugspunkt zu findet ist.

Stattdessen pflügt das Schiff durch meterhohe Wellen, hüpft wie ein Kronkorken hin und her, rollt behäbig von einer zur anderen Seite. Gelegentlich befördern mich die Kräfte der Natur so unnachgiebig in die Nähe der Bettkante, dass ich befürchte, in dem schmalen Gang zwischen Liegestatt und Wand zu landen. Die Vasco da Gama, die immerhin schon fast 30 Jahre auf dem Buckel hat, ächzt und krächzt, als würde man ihr die Eingeweide aus dem Leib reißen.

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Am Morgen, als die Sonne am Horizont erscheint und die Szenerie in ein goldenes Licht taucht, hat sich der Seegang noch nicht gelegt. Der Kapitän hat die Fahrgeschwindigkeit auf 12,8 Knoten gedrosselt. Über Nacht haben sich blaue Taschen mit Spucktüten in Gänge und Treppenhäuser geschlichen; die Terrasse des Restaurants, sonst ein beliebter Treffpunkt für Frühaufsteher, ist verwaist.

Den Spaziergang über das Promenadendeck, eine Hommage an die alten, eleganten Ozeanliner, lasse ich mir dennoch nicht vermiesen. Die Seeluft pustet das Gehirn frei; die Brecher, die mit aller Kraft gegen den Schiffsrumpf klatschen und sich beim Rückzug in weiße Fabelwesen mit wehendem Schweif verwandeln, sind großes Kino. Wenn sich das Heck im Spiel der Wellen hebt und senkt, fühle ich mich an eine Berg- und Talfahrt erinnert: Voller Schwung geht es bergab, leicht gebremst nach oben.

Pico: Portugals höchster Berg als Namensgeber

Seit der Abfahrt in Madeira sind über 40 Stunden vergangen. Eigentlich hätten wir am Abend zuvor in Pico eintreffen sollen, jener Azoreninsel, die Portugals höchsten Berg, den 2351 Meter hohen Pico ihr Eigen nennt. Doch drei Stunden nach Abfahrt macht die Vasco da Gama plötzlich eine Kehrtwende und steuert nach Funchal zurück. Grund: ein medizinischer Notfall, der die Gerüchteküche an Bord brodeln lässt.

Während die einen wissen, dass ein Passagier einen Herzinfarkt erlitten hat, faseln andere von einer versuchten Selbsttötung oder – wie könnte es in diesen Zeiten auch anders sein – von einer Coronainfektion.

Abendstimmung auf der Vasco da Gama

Der unfreiwillige Hilfseinsatz wirbelt den Zeitplan der Vasco da Gama völlig durcheinander. Pico wird kurzerhand gestrichen, stattdessen geht es direkt zum benachbarten Faial. Die Trauer bei den meisten Passgieren hält sich dennoch in Grenzen: In Pico wäre der Cruiser nämlich auf Reede gelegen – und auf das Ein- und Ausschiffen in kleinen Nussschalen haben die wenigsten bei diesem Wellengang wirklich Lust.

Später werden wir von einem schwedischen Skipper erfahren, dass einer der schwersten Stürme der vergangenen Jahre über den Atlantik gefegt hat. Sein Segelboot erlitt heftige Blessuren, liegt nun bis zur Reparatur im Hafen von Horta. Die Crew startet mit dem Flieger Richtung Heimat. Für Propellermaschinen reicht die kleine Landebahn von Horta.

Azoren, die erste: Faial

Abends erreichen wir endlich den Archipel der Azoren. Zunächst Pico, dessen Namensgeber sich hinter dicken Wolken versteckt, dann Faial, die blaue Insel, die sich im Juli und August mit einem Kleid aus blauen Hortensien schmückt. Die Umroutung hat uns einen Abend an Land beschert, was wir gerne nutzen – schließlich ist das Peter’s die Kultkneipe in Horta, die jeder Reiseführer als Must-Do auflistet.

Die ersten Schritte an Land fühlen sich seltsam an. Der Boden scheint zu schwanken, die Beine erinnern an Gummimasse. Doch die hübsche Uferpromenade mit Blick auf die zweistöckigen Häuschen mit den bunten Fensterumrandungen, auf die schwarz-weißen Kirchen, denen Vulkanstein ihren besonderen Look verleiht, und die Silhouette des benachbarten Pico mit der in der Dunkelheit versinkenden Ortschaft Madalena ziehen uns vorwärts.

Peter's Cafe Sport in Horta auf der portugiesischen Azoreninsel Faial
Peters Café Sports – erkennbar am Wal – ist der Treffpunkt in Horta auf Faial.

Zum Absacker in Peter‘s Café Sport in Horta

Peter‘s Café Sport ist in der Tat eine ausgesprochen urige Kneipe, wo sich die vielen Segler treffen, die auf ihrem Weg in die Karibik oder zurück Zwischenstation auf den Azoren machen. Englische, französische, aber auch schwedische Sprachfetzen hallen durch die dichtbestuhlte Lokalität. Deren Wände und Decke kann man nur erahnen. Wer etwas auf sich hält, lässt eine Fahne oder zumindest einen Wimpel da – als sichtbares Zeichen dafür, dass man die Überfahrt geschafft hat und sich nun im Peter’s den obligatorischen Absacker genehmigt.

Leider haben Kultkneipen den Nachteil, dass einfach jeder hin möchte. Der Strom aus Menschen vom Schiff zeigt, dass wir nicht die einzigen waren, die den Reiseführer studiert haben. Und Segler kennen die Adresse an der Uferpromenade dank Mund-zu-Mund-Propaganda ohnehin.

Um es kurz zu machen: das Café Sport ist gerammelt voll, die vollen Gläser und die fröhlichen Runden untrügliches Zeichen dafür, dass so schnell kein Platz frei werden wird. Der berühmte Gin Tonic, den es für 2,90 Euro pro Glas gibt, muss bis zum nächsten Nachmittag warten.

Zur gewaltigen Caldera von Faial

Faial ist ohne Zweifel eine der schönsten Insel des Archipels. Zwar nur 21 Kilometer lang und bis zu 14 Kilometer breit, aber ein irdischer Garten Eden, auf dem Bäume, Sträucher und Büsche so üppig gedeihen, dass man dem Eiland mit gutem Recht den Namen grüne Insel verleihen könnte – wenn der nicht schon für Irland reserviert wäre. 15000 Menschen leben auf der Vulkaninsel, dazu 30 000 Kühe, die sich nur ausgesprochen ungern von den ungepflasterten Nebenstraßen vertreiben lassen. Jeeps beeindrucken halt nur Zweibeiner.

Blick vom Monte da Guia auf Horta, der Hauptstadt der Azoreninsel Faial
Blick vom Monte da Guia auf Horta. Im Vordergrund liegt die Bucht Porto Pim, wo früher die Walfänger ihrem blutigen Geschäft nachgingen.

Ein Tag reicht völlig aus, um die Insel auf der Küstenstraße zu umrunden und einen Abstecher zur gewaltigen Caldera in der Mitte der ziemlich kreisrunden Insel zu unternehmen. Der Krater hat einen Durchmesser von über zwei Kilometern. Früher erstreckte sich auf seinem Grund ein grünlich-blauer See. Doch der ist längst verschwunden. Zurück blieben steile Kraterwände, die unter einem saftig-grünen Pflanzenkleid verschwunden sind.

An schönen Tagen muss der Blick in den Kessel einfach gigantisch sein; dann dürfte man es bedauern, keine Zeit für die mehrstündige Wanderung entlang des Kraterrandes zu haben. Doch wie gesagt: von Azorenhoch keine Spur.

Die Sicht reicht keine paar Meter; es nieselt erbärmlich; der Schatz von Mutter Natur ist allenfalls zu erahnen. Also zurück zur Küstenstraße mit ihren langgezogenen Straßendörfern und weiter zum jüngsten Part von Faial: der vegetationslosen Steinwüste am Vulkan Capelinhos im Westen Faials.

Neues Land für die Insel Faial

Es war im Jahr 1957, als die Erde einen Kilometer vor der Küste Faials ihre Schlote öffnete. Ein neuer Vulkan war geboren. Das Meer begann zu kochen. Asche flog über 1400 Meter hoch in die Atmosphäre. Lava erstickte alles Leben unter sich. Mehr als 30 Millionen Tonnen Asche und Lava gingen in den folgenden Monaten über den Dörfern und den Feldern nieder, zwangen die Menschen ihre Heimat zu verlassen, manche für immer. Von den Häusern waren oft nur noch die Giebel zu sehen.

Leuchtturm im Westen der Azoreninsel Faial.
Halb versunken ist der Leuchtturm im Westen von Faial. Er steht für die Katastrophe, die der Ausbruch eines Unterwasservulkans vor 50 Jahren über die Insel brachte

Der Leuchtturm, der einst am Meer stand, wurde zerstört und seiner eigentlichen Funktion beraubt. Seine Reste stehen für das Inferno, das in jenem Jahr über den Westen Faials hereinbrach. Das erste Geschoss halb verschüttet, die Fenster zu leeren Augen degradiert stemmt er sich standhaft gegen die Vergänglichkeit.

Ich entscheide mich gegen das unterirdische Informationszentrum, das über diesen Hotspot an der Nahtstelle der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatten aufklärt. Ein schmaler Weg führt an einem Geländer entlang nach oben. Die feine Asche verfängt sich in meinen Turnschuhen, der peitschende Wind verpasst mit ein Gesichtspeeling. Später werden sich die kleinen Körnchen sogar in den Ohren finden.

Der Weg hinauf ist mühselig, doch die Aussichten sind atemberaubend. Alle paar Meter bleibe ich stehen, um das Farbenspiel des Felsens einzusaugen, das Rot, das Grau und das Gelb. Ein paar Gräser, deren Büschel die Azorianer einst als Pinsel verwendeten, krallen sich krampfhaft am Fels fest. Niedrige Blütenpolster tanzen wie verrückt im Wind. Tief unten knallen die Atlantikbrecher mit voller Wucht gegen die Felsen, setzten ihr unablässiges Werk fort.

Die Geschichte von Peter‘s Café Sports

Nachmittags schaffen wir es dann doch, einen Platz im Peter‘s Café Sports zu ergattern. Als Henrique Azevedo 1908 diese Lokalität in Horta eröffnete, mauserte sie sich schnell zum internationalen Treffpunkt, wo ein buntgemischtes Publikum bei einem Glas Gin zusammensaß: einfache Seeleute, raubeinige Walfänger und Angestellte der internationalen Telegrafengesellschafen, die von hier aus die Verlegung der Transatlantikkabel überwachten.

Daran hat sich gar nicht so viel geändert. Heute sind es die Weltenbummler, die Segler und die Kreuzfahrttouristen, die bei Peter‘s einen Gin Tonic schlürfen, dazu eine Fischsuppe löffeln oder sich gleich das Nationalgericht Bacalhau auftischen lassen – jener Klipp- oder Stockfisch, der stunden-, wenn nicht tagelang gewässert werden muss, wenn der Kabeljau munden soll.

Die Häuser der Deutschen Kolonie auf der Azoreninsel Faial

Die Häuser der Deutschen Kolonie auf der Azoreninsel Faial
Die Häuser der Deutschen Kolonie erinnern an jene Zeit, als Faial Zentrum der telegrafischen Kommunikation war.

Azoren, die zweite: Terceira

Der erste Eindruck von Terceira ist zunächst wenig attraktiv: graue Öltanks, rostrote Hafenkräne und schmucklose Industrieanlagen. Pittoreske Ansichten, wie gemacht für fotohungrige Touristen, und wirtschaftliche Notwendigkeiten zum Überleben der Einheimischen sind eben zwei Paar Stiefel.

Die Vasca da Gama hat in Praia da Vitória angelegt. Wir haben über die Agentur Azor-in einen Reiseführer arrangiert; Philipp ist häufig mit amerikanischen Wandergruppen unterwegs und spricht fließend englisch. Eine gewisse Vorliebe für „Gods own Country“ hat sich wohl in seiner Teenager-Zeit herausgebildet. Denn Terceira – die drittgrößte Azoreninsel, wie der Name schon sagt – war lange ein wichtiger Stützpunkt der US-Armee.

Motiv von der Azoreninsel Terceira
So grün ist Terceira im Inselinnern.

3000 Soldaten waren während des Kalten Krieges hier stationiert, sorgten für Umsatz im Wirtschaftsleben und machten die Insulaner mit allem Möglichen vertraut – beispielsweise mit Jazz in ihren Clubs. Heute sind es nur noch ein paar Hundert Soldaten und manch einer trauert den alten Zeiten nach. Die gut bezahlten Jobs auf der Basis sind heiß begehrt auf einem Eiland, das weitgehend von der Landwirtschaft und ein wenig Tourismus abhängig ist.

Ein Reiseziel für Individualisten

Terceira ist noch immer ein Geheimtipp, das ideale Reiseziel für Individualisten, die sich von einsamen Landstrichen, einer gewaltigen Caldera und einer spektakulären Fauna verzaubern lassen wollen. An der Küstenstraße das übliche Bild: ein gutes Dutzend Dörfer, die tagsüber nahezu menschenleer sind, weil die Bewohner entweder auf dem Feld arbeiten oder in Angra do Heroísmo sowie Praia da Vitória.

Eine schmucke Kirche mit dem für die Azoren typischen Mix aus weißem Kalkstein und schwarzem Basalt, ein altertümlicher Tante-Emma-Laden und die allgegenwärtigen, in bunte Farben getauchten Heilig-Geist-Kirchen mit dem Symbol der Taube im Giebel – viel mehr gibt es in den langgestreckten Straßendörfern nicht zu entdecken.

Biscoitos: Wo der Wein wächst

Nur Biscoitos widersetzt sich dem Dorf-Allerlei. Das muntere Örtchen an der Nordküste, in dessen Hafen einst die Walfangboote in See stachen, ist bekannt für Zweierlei: die Naturschwimmbecken, die von wild gezackten Lavafelsen eingerahmt und von den Brechern des Atlantiks gespeist werden, und für seine Weingärten, wo die ursprünglich aus Sizilien stammende Verdelho-Traube wächst.

Weinbau auf den Azoren: Da denkt man fast automatisch an Pico. Doch das Glas Weißwein, das wir in einem kleinen Geschäft zu auf der Insel produziertem Käse genießen, beweist: Auch die Terceirer verstehen sich auf ein gutes Tröpfchen.

Die Grundlage dafür liefert die Natur frei Haus. Die hüfthohen Steinmauern, die aus der Luft betrachtet ein Mosaik aus Rechtecken und Quadraten ergeben, schützen die Rebstöcke vor dem Wind. Das Vulkangestein speichert die Wärme. „Früher gab es noch deutlich mehr Familien, die Wein produzierten“, erzählt Reiseführer Philipp. Doch viele scheuen heute den Aufwand.

Die Küste von Biscoitos auf der Azoreninsel Terceira
Die Küste von Biscoitos

Bei der Landzunge Ponta do Queimado, wo sich Terceira von seiner wilden, stürmischen Seite präsentiert, kann man im dichten Grün aus Baumheide, Drachenbäumen und Japanischer Sicheltannen verwilderte Rebgärten und verfallene Mauern entdecken.

Zum Aussichtspunkt Serra do Cume

Auf dem Serra do Cume, einem grasbedeckten, gut 500 Meter hohen Bergrücken, liegt einem Terceira zu Füßen: die von Trockenmauern eingefassten Weideflächen, auf denen 50 000 glückliche Kühe jahrein, jahraus grasen, weil mobile Gerätschaften das Melken übernehmen. Im Osten zeigt sich die Bucht von Praia da Vitória, dessen Sandstrand lange als einer der schönsten der Insel galt, bevor ein kilometerlanger Hafendamm gebaut wurde.

Im Hintergrund reckt sich die Serra de Santa Bárbara in den Himmel, Heimat der berühmten schwarzen Stiere, die bei den regelmäßig ausgetragenen Wettkämpfen die Hauptrolle spielen. Das ganze Dorf ist dann auf den Beinen, wenn kräftige Männer den gereizten Bullen an der langen Leine durch die Gassen treiben – was den Aktionsradius des Tieres ziemlich begrenzt. Den Tod muss der Bursche nicht fürchten. Nach überstandenem Kampf wink ihm ein geruhsamer Lebensabend auf der Weide und der Einsatz als Zuchtbulle.

Die Fajã da Alagoa an der Nordküste der Insel Terceira.
Die Fajã da Alagoa liegt an der Nordküste der Insel Terceira.

Das Weltkulturerbe Angra do Heroísmo

So schön das Inselinnere auch ist: Terceiras größtes Pfund ist die Renaissancestadt Angra do Heroísmo, ein Relikt aus der Hoch-Zeit der Insel, als mit Schätzen beladene portugiesische und spanische Schiffe in dem geschützten Hafen anlegten. Über ihn wacht das Castelo de São João Baptista auf dem 205 Meter hohen Hausberg Monte Brasil.

Häuserzeile in Angra do Heroísmo auf der Azoreninsel Terceira

Häuserzeile in Angra do Heroísmo auf der Azoreninsel Terceira

Häuserzeile in Angra do Heroísmo auf der Azoreninsel Terceira
…ein paar Impressionen aus Angra do Heroísmo, dem einzigen Weltkulturerbe der Azoren.

Das bezaubernde Städtchen, für viele Reisende das schönste des ganzen Archipels, ist eine Art Freilichtmuseum.

Es ist gespickt mit Klöstern, Kirchen und schmucken Villen, mit prunkvollen Renaissancepalästen wie dem Palacio Bettencourt, dessen Fassade ein Meisterwerk der Steinmetzkunst ist. Bei den schmalen Gassen lohnt es sich, den Blick zu senken. Denn jede Pflasterung unterscheidet sich von der der nächsten Straße. Zweimal in ihrer Geschichte fungierte die „Heldenhafte“ als Hauptstadt Portugals; heute zählt sie zum UNESCO- Weltkulturerbe.

In den Schlot eines längst erloschenen Vulkans

Am späten Nachmittag fühlen wir uns ein wenig wie die Abenteurer in Jules Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, denn die Höhle Algar do Carvão ist der Schlot eines längst erloschenen Vulkans. Wie müssen sich die beiden Forscher Cândido Corveli und Luis Sequeira gefühlt haben, als sie im Januar 1893 in diese dunkle Welt vordrangen. An Seilen stiegen sie in die 100 Meter tiefe Höhle hinab, an deren Grund ein smaragdgrüner See liegt.

die Höhle Algar do Carvão auf der Azoreninsel Terceira
Ab unter die Erde: die Höhle Algar do Carvão

Dagegen nimmt sich der heutige Besuch fast wie ein Spaziergang aus. Die Organisation “Os Montanheiros“, die auch das kleine Info-Zentrum am Eingang der Höhle betreibt, hat solide Treppenstufen in den Fels getrieben. Sie brachte Geländer für ängstliche Naturen an und bestückte die „Kathedrale“, eine hallenartige Ausformung, mit Scheinwerfern. Pechschwarz sind die Wände, nur gelegentlich blitzen Eisenoxid- und weiße Kieselsäureablagerungen auf.

Nach oben ist der Schlot offen, was der Szenerie etwas Unwirkliches verleiht. Das Sonnenlicht und der ergiebige Regen lassen Farne, Flechten und Moose sprießen, die die senkrechten Wände in einen grünen Teppich hüllen. Es tröpfelt zwar ununterbrochen von oben, weil es wieder einmal kräftig schüttet. Doch die Niederschläge speisen den unterirdischen See, der bis zu 15 Meter tief ist, im Sommer aber trockenfällt.

Abends heißt es wieder Leinen los. São Miguel wartet auf uns.

Azoren, die dritte: São Miguel

Mit ihren 135 000 Einwohnern ist sie die größte, wirtschaftlich bedeutendste und bevölkerungsreichste Azoreninsel. Nach all den schnuckeligen Dörfern, den einsamen Landstrichen, wo die Natur und nicht der Mensch das Zepter führt, wirkt Ponta Delgada die Inselhauptstadt fast schon städtisch.

Ein Hochhaus reiht sich hinter der Uferpromenade auf; luxuriöse Hotels locken mit Pools und Casino; der morgendliche Berufsverkehr quält sich über jene Straße, für die einmal mehr Heinrich der Seefahrer herhalten musste.

dieKirche Nossa Senhora da Paz in Vila Franca do Campo auf der Azoreninsel San Miguel
Eine der schönsten Kirchen auf São Miguel: die Nossa Senhora da Paz in Vila Franca do Campo

Unser Guide heißt Robert Hoge, spricht perfekt Deutsch und ist ein wandelndes Lexikon, was Kenntnisse über Flora und Fauna der Azoren, über Geschichte und Vulkanologie angeht. Der gebürtige Österreicher ist auf einem Bauernhof nahe Innsbruck aufgewachsen, vor zweieinhalb Jahrzehnten der Liebe wegen jedoch auf São Miguel gelandet. Er kennt das knapp 750 Quadratkilometer große Eiland so gut wie seine Westentasche.

Zum Postkartenmotiv Sete Cidades

Der Sonnenschein über der 45 000-Einwohnerstadt an der Südküste macht Mut, auch wenn der Spruch „alle zehn Minuten wechselt das Wetter“ durch unsere Gehirngänge wabert. Doch São Miguel zu besuchen, ohne die Sete Cidades zu sehen, wäre wie ein Rombesuch ohne Petersdom. Das Postkartenmotiv ist so kitschig-schön, dass kein Azoren-Werbeplakat, keine -broschüre ohne es auskommt.

So hätten wir es gerne gesehen – die Seen von Sete Ciudades. Leider spielte das Wetter nicht mit. So blieb uns nur dieses Platat, das wir in Ponta Delgada entdeckt haben.

Doch je weiter sich die Straße nach oben windet, je näher der Aussichtspunkt Vista do Rei rückt, auf dem Portugals Herrscher Carlos über seinen abgelegenen Außenposten im Atlantik blickte, desto dichter werden die Wolken. Kein Blick in den sattgrünen Kessel, dem letzten Überbleibsel eines einst 1200 Meter hohen Vulkans, der den Entdeckern als wichtige Landmarke diente. Kein Blick auf die beiden Zwillingsseen, die nur durch eine schmale Brücke voneinander getrennt sind.

Der grüne und der blaue See

Die Grün- und Blaufärbung lässt sich reichlich unromantisch mit unterschiedlichen Wassertiefen des Lagoa Azul und des Lagoa Verde erklären.

Sehr viel hübscher ist jedoch die Mär von der schönen Prinzessin und ihrem Hirten. Der Sage nach sollen sich die beiden Liebenden regelmäßig an diesem abgeschiedenen Ort getroffen haben, was dem König nicht verborgen blieb.

Der – wenig erfreut über die unstandesgemäße Verbindung – verbot dem Töchterlein kurzerhand den Umgang mit dem Liebsten. Ein letztes Mal trafen sich die beiden unweit der Sete Cidades. Die Tränen aus ihren blauen und grünen Augen füllten die beiden Kraterseen, die das Ziel unzähliger Wanderer sind.

Das “Monte Palace”: ein Lost Place auf den Azoren

Dass ein paradiesisch schöner Flecken allein nicht genügt, um zahlungskräftige Kundschaft auf Dauer anzulocken – davon zeugt die Bauruine des „Monte Palace“.

Das Fünf-Sterne-Hotel war in den 1980er Jahren das Luxuriöseste, was der Archipel zu bieten hatte. Die Zimmer, alle mit Meerblick, boten jeglichen Komfort. Theater und Casino sorgten für Zerstreuung. Doch die französischen Investoren hatten schlicht vergessen, dass es an Flugverbindungen mangelte und vielerorts touristische Infrastruktur fehlte.

Nach einem Jahr macht der Luxusschuppen dicht. Die Betreiber schwirrten nach Frankreich ab, angeblich, um neues Kapitel aufzutreiben – und wurden nie wieder gesehen. Seitdem gammelt der „Bergpalast“ vor sich hin. Daran haben auch die neuen chinesischen Besitzer nichts geändert, die die einstige Nobelherberge für 1,2 Millionen Euro erwarben. Zurück blieb ein Lost Place mitten im Atlantik.

Ins Tal von Furnas

Irgendwann soll es dann doch noch mit dem Blick auf tiefblaue Kraterseen klappen, im Tal von Furnas, das sich einen Namen als Kurzentrum gemacht hat.

Am Rande des ziemlich beschaulichen Örtchens, das nur 50 Kilometer vom geschäftigen Ponta Delgada entfernt liegt, schießen kochend-heiße Schwefelquellen in die Höhe. In den gelblich oder rötlich schimmernden Quelltöpfen blubbert es wie in einer gerade geöffneten Sprudelflasche. Weiße Dampfschwaden mit stechendem Geruch steigen aus Erdlöchern und Felsspalten empor. „Der Geruch von Schwefel ist für einen Sünder nicht unangenehm“, kommentierte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain angesichts der heißen Quellen, die für Trinkkuren und die örtlichen Thermalbäder genutzt werden.

die Quelltöpfe von Furna auf der Azoreninsel Sao Miguel
Ganz schön heiß: die Erdlöcher im Tal von Furnas. Das Dorf hat sich als Kurzentrum einen Namen gemacht.

Quelltöpfe und Traumgärten

Es war der Amerikaner Thomas Hickling, der den Grundstein für die Kurort inmitten eines erloschenen Vulkankraters, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Lagoa das Furnas gelegt hat.

Der aus Boston stammende Kaufmann hatte ein Vermögen mit dem Orangenanbau auf Saõ Miguel gemacht, besaß ein feudales Anwesen in Ponta Delgado und leistete sich die Villa Casa do Parque im Tal von Furnas. Die wilden Partys in der „Yankee Hall“ waren legendär, seine Liebe zu exotischen Pflanzen aus der ganzen Welt nicht minder.

Hicklings und die nachfolgenden Besitzer gestalteten den Privatgarten in einen Park um, in dem Botaniker aus dem Schwärmen über all die seltenen Baumexemplare aus der ganzen Welt gar nicht rauskommen.

Hier wachsen Baumfarne, japanische Zedern, aber auch die immergrüne australische Wollemia nobilis, die aus den Urzeiten dieses Planeten zu stammen scheint. Heute gehört das 12 Hektar große Gelände zur 1935 eröffneten Nobelherberge „Terra Nostra“, deren Gäste bis in die Abendstunden im wohlig-warmen Thermalbecken verweilen können.

Landschaft auf Sao Miguel

der Lagoa das Furna auf der Azoreninsel Sao Miguel
Traumhaft schön ist der Blick auf den See von Furnas.

Der schönste Blick auf den Kraterkessel von Furnas wird uns am Miradouro do Pico do Ferro geboten. Der Weg dorthin ist gesäumt von Azaleen, die mir bis zur Brust reichen, von endlosen Reihen aus Hortensien und steilen Hängen, die in wenigen Wochen unter den gelben Blüten des falschen Ingwers verschwinden werden.

Praktische Erdtöpfe für den Eintopf Cozida

Auf dem Lagoa das Furnas spiegeln sich die Turmspitzen der neugotischen Kapelle Ermida da Nossa Senhora das Vitórias, die ein neureicher Großgrundbesitzer eigens auf Frankreich importieren ließ. Am Nordufer brutzeln die Einheimischen ihre Cozida, einen ziemlich fleischlastigen Eintopf mit Blut- und Paprikawurst, Kartoffeln, Kohl und Karotten.

Einen Ofen brauchen die Herrschaften nicht. Die großen Töpfe kommen einfach für ein paar Stunden ins 100 Grad warme Erdloch – fertig ist das Mittagessen für die ganze Familie. Wer das traditionelle Gericht probieren möchte, ergattert ganz einfach einen Platz in Tony‘ s Restaurant.

Kirche in Ponta Delgada auf der Insel Sao Miguel
Eine der vielen Kirchen in Ponta Delgada auf der Insel Sao Miguel, geschmückt für die Festa do Senhor Santo Christo dos Milagres

Das größte Fest der Azoren

Abends werden wir Zeuge eines besonderen Schauspiels. Lichterketten schmücken die Kirchen und Klostergebäude an der Plaça de Outubro, der Gehweg an der Straße für Heinrich den Seefahrer hat sich in eine Budenstadt verwandelt. Ponta Delgada rüstet sich für die Festa do Senhor Santo Christo dos Milagres. Der Senhor ist eine Christusfigur, die eine Nonne im 16. Jahrhundert von einem Besuch in Rom mitgebracht haben soll und der zahlreiche Wunder zugeschrieben werden.

Für die Azorianer ist die einwöchige Fiesta ein Grund, mal wieder richtig zu feiern, mit viel Musik, viel Essen und vor allem mit der Verwandtschaft. Aus aller Welt zieht es die emigrierten Azorianer in die alte Heimat, wo die besonders Gläubigen auf Knien zu der reich geschmückten Christusfigur pilgern.

Impressionen von der Küste auf Sao MIguel

 

Ausblick vom Miradouro de Santa Iria auf Sao Miguel
Impressionen von der Küste auf São Miguel

Extratipp: Unweit des Ortes Maia an der Nordostküste von São Miguel liegt die Teefabrik Gordana, eine der wenigen, die von einst zahlreichen Teefabriken auf São Miguel übriggeblieben ist. In dem seit 1883 existierenden Betrieb werden jährlich etwa 40 Tonnen Tee hergestellt.

Wer möchte, kann einen Blick in die Produktionshallen mit ihren altertümlichen, aber voll funktionsfähigen Maschinen werfen und durch die Plantage wandern, wo der Teebaum, Camelia sinensis, in Reih und Glied steht. Gepflückt werden die wertvollen Blätter nicht mit Hand, sondern zum Einsatz kommt eine Art Rasenmäher.

Dieses hübsche Geschäft haben wir in Ponta Delgada entdeckt. Es verkauft – Sardinenbüchsen.

Abschied von den Azoren

Es ist unser letzter Abend auf den Azoren. Um 23 Uhr heißt es Leinen los für die Vasco Da Gama. 1306 Seemeilen liegen vor uns, bis zum Hafen auf der Halbinsel Portland in Großbritannien. Es wird ein Wiedersehen mit Honfleur geben, der Schönen an der normannischen Küste, die wir schon während unserer Atlantiküberquerung besucht haben. Und nach Amsterdam, der hippen Metropolenmetropole, wird uns im Nordseekanal der Schlepper Triton „begleiten“. Doch das ist eine andere Geschichte.

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