Bruder auf Achse

Manaus – die Dschungelmetropole am Amazonas

Bootshafen in Manaus

Die Reise auf dem Amazonas geht weiter. In Bélem, dem Tor zu Amazonien, sind wir zu der zweiwöchigen Schiffstour gestartet, die uns durch die Breves-Känäle zur Karibik Amazons führte. So wunderschön die Sandstrände von Alter do Chão auch sind – jetzt zieht es uns zum „Paris am Amazonas“, Manaus.

Filmreife Kulisse

Manaus: Schon das Wort beschwört Bilder herauf, unvergessliche Filmbilder. Vor meinem geistigen Auge taucht Fitzcarraldo auf, Werner Herzogs Leinwandwahnsinniger, wie er sich im weißen Leinenanzug und mit wirrem Haarschopf wie ein Besessener in die Riemen legt, um mit der Dame seines Herzens rechtzeitig die Opernaufführung im Teatro Amazon zu erreichen. Ich sehe ihn vor mir, den Exzentriker, gespielt von Klaus Kinski, der mit seligem Gesichtsausdruck rauschhaften Klängen lauscht und einen irrwitzigen Plan fasst: Auch Iquitos, das armselige Nest am Oberlauf des Amazonas, muss einen solchen Musentempel haben – selbst wenn dafür Berge versetzt und Schiffe durch den Dschungel Amazoniens geschleppt werden müssen.

Skyline von Manaus, Brasilien
Boomtown im brasilianischen Regenwald: Manaus am Zusammenfluss von Río Negro und Amazonas.

Die Dekadenz und der Pomp jener Epoche, als Manaus zu den reichsten Städten auf dem Globus zählte und sich die Stadt wie eine aufgedonnerte Diva gebärdete, sind vorbei. Der erste Weltkrieg und das abrupte Ende des Kautschukmonopols besiegelten den Niedergang. Doch ein verwirrender Kosmos, eine hitzige Metropole voller Widersprüche ist Manaus geblieben.

Krankenhaus von Manaus, Brasilien
Ganz schön protzig: das Krankenhaus von Manaus.

In den Tiefen des brasilianischen Dschungels, der biologischen Schatztruhe unseres Planeten, erwartet man Vieles: unberührte Natur, von der Zivilisation unbefleckte indigene Völker, giftige Frösche und regungslose Faultiere. Nur eben keinen urbanen Fremdkörper inmitten der grünen Hölle, keine Millionenstadt, deren Name der Muttergottes Ehre machen soll und die doch so wenig göttliches an sich hat. Manaus, die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, gleicht einem wild wuchernden Krebsgeschwür, mit stetig wachsenden Favelas und einer Infrastruktur, die dem Wachstum im Zeitraffertempo mächtig hinterher hinkt.

Der Moloch stinkt gewaltig

Mancherorts stinkt es gewaltig, denn so manches Hochhaus in dem Zwei-Millionen-Moloch Manaus verfügt nur über eine Sickergrube. Auf den Straßen rund um die Pláca da Matriz, die nachts wie ausgestorben wirken und das beklemmende Gefühl einer Geisterstadt hinterlassen, herrscht tagsüber Dauerstau mit dazu gehörender Geräuschkulisse. Manaus, das polternde Herz Amazoniens, ist auf den ersten Eindruck vor allem eins: verlottert, vergammelt und heillos überbevölkert.

Kolonialgebäude in Manaus, Brasilien

Kolonialgebäude in Manaus, Brasilien
Relikte aus der Ära des Kautschukbooms gibt es nur noch wenige.

Am einfachsten ist die Urwaldstadt per Boot oder per Flugzeug zu erreichen. Die 1000 Kilometer lange Piste gen Süden versinkt in den Wintermonaten nämlich im Schlamm und ist nur was für Hartgesottene, erzählt Paolo, der in Deutschland eine Ausbildung absolviert hat, den aber der Wunsch nach Wärme in die Heimat zurücktrieb. Der groß gewachsene Brasilianer ist unser Türöffner zu Manaus, noch dazu einer, der nicht von falsch verstandenem Nationalstolz getrieben wird.

Manaus-die Freihandelszone

Unaufgefordert erzählt er von Vergangenheit und Gegenwart der Amazonas-Metropole, von den Kautschukbaronen, die sich ihre Zigarren mit Geldscheinen anzündeten und die Wäsche in Europa waschen ließen, weil das Flusswasser angeblich zu schmutzig war. Niedergang und staatliche Wiederbelebung in Form einer Freihandelszone mit Steuererleichterungen bestimmen das Schicksal dieser Stadt. Jetzt zieht es nicht nur Motorrad-, Handy- und Küchengeräte-Hersteller zuhauf in die Stadt am Río Negro. Auch Shopping-Verrückte haben die Stadt als Ziel von Hamsterfahrten erkoren. Für zollfreie Camcorder, amerikanischen Whiskey und französisches Parfüm lohnt sich sogar ein mehrstündiger Flug quer durch den Kontinent. Auch wenn mancher Fluggast angesichts der übervollen Gepäckwägelchen in der Abfertigungshalle über die Kaufwut der Schnäppchenjäger stöhnt.

die Kathedrale von Manaus, Brasilien
Die Kathedrale Nossa Senhora da Conceiçao steht in der Nähe des Hafens.

Manaus, wie Bélem ein Kind des Kautschukbooms vor 150 Jahren, wirkt wie ein verblasster Traum. Der Geldadel, dessen unvorstellbarer Reichtum auf der Ausbeutung von Natur und Mensch basierte, gab sich nicht mit Kleckern zufrieden. Die Herren Barone klotzten – unterstützt von Baumeistern, die samt Materialien aus Europa kamen. Doch die pastellfarbenen Jugendstilhäuser, die auch nach Paris, Mailand oder Madrid passen würden, verrotten unter der sengenden Sonne und den wolkenbruchartigen Regenschauern. Historische Gassen mussten schmucklosen Wohnbauten weichen. Fast alle Gebäude mit den charakteristischen Kachelfassaden sind in jämmerlichem Zustand. Die gesichtslosen, viel zu schnell hochgezogenen Hochhäuser, die den Wohnungsbedarf der am schnellsten wachsenden Stadt Brasiliens stillen sollen, sind von einer Patina aus Ruß und Dreck überzogen und verstellen auch die letzte Frischluftschneise.

Kachelbild an einem Haus in Manaus, Brasilien
Dieses hübsche Kachelbild habe ich an einem Haus in Manaus entdeckt.

Es gibt nur wenige Bauten, die diesem freudlosen Miteinander aus Einheitsgrau und urbaner Verlotterung trotzen. Halbrunde Freitreppen führen zur weiß und gelb getünchten Kathedrale. Im pompösen Palácio Rio Negro mit seinem Zuckerbäckerstil, wo sich der deutsche Kautschukhändler Waldemar Scholtz einen Jaguar hielt, residiert heute ein Kulturzentrum. In der unter Denkmalschutz stehenden rot-grünen Markthalle, deren Eisengestell von Gustave Eiffel hergestellt wurde, stapeln sich Bananenstauden, Ananas und Mangos. Davor werden Wassermelonen, groß wie drei Kinderköpfe, entladen. In der benachbarten Fischhalle, die kein Paradies für empfindliche Nasen ist, wird der Fang des Tages fachmännisch zerlegt.

Palácio Rio Negro in Manaus, Brasilien
Der Palácio Rio Negro ist eines der schönsten Gebäude von Manaus

Der junge Mann in der Touristinformation an der Pláca São Sebastião ist keine wirkliche Hilfe. Der AmazonBus, eine Art Hop-on-Hop-off-Gefährt, sei womöglich für unbestimmte Zeit eingestellt. Das Stadion, das für die Fußballweltmeisterschaft errichtet wurde und seitdem im Dornröschenschlaf schlummert, könne seines Wissens nicht besichtigt werden. Aber richtig sicher sei er sich nicht, lässt uns der junge Mann wissen. Also tun wir das, was jeder Manaus-Besucher tut und steigen die imposante Treppe zum sicherlich berühmtesten Gebäude der Stadt hoch: dem extravaganten Teatro Amazonas, das am 31. Dezember 1896 mit einer Aufführung von „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli eröffnet wurde und dessen große Zeit ein Dutzend Jahre später wieder vorbei war.

Das Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien.
Das Teatro Amazonas ist sicherlich das berühmteste Gebäude von Manaus.

Für ihr bauliches Juwel an diesem gottverlassenen Ort war den Kunstfreunden das Beste gut genug. Die 32 000 bunten Kacheln der Riesenkuppel, deren Grandezza sich selbst gegen die benachbarten Hochhaus-Ungetüme behauptet, stammten aus dem Elsass. Die schmiedeeisernen Treppengeländer kamen aus England. Etliche der insgesamt 198 Lüster wurden aus Muranoglas gefertigt. Kostbare Spiegel und Skulpturen schmücken die Wände. Das Deckengemälde? Beleg für den Anspruch, das „Paris der Tropen“ zu sein.

Innenraum des Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien.
Bei der Innenausstattung des Teatro Amazonas orientierte man sich an europäischen Opernhäusern.

Selbst dem Mosaik auf der Pláca São Sebastião schenkte der vergnügungssüchtige Geldadel Beachtung. Die schwarzen und weißen Pflastersteine wurden aus einem speziellen Sand-Kautschuk- Gemisch gefertigt, um die Vorführungen nicht durch die vorbeifahrenden Pferdefuhrwerke zu stören. Wären da nicht die jungen Leute, die bei Jazz- und Swing-Konzerten die plüschigen, mit reichlich rotem Samt protzenden Ränge bevölkern und brasilianische Lebensfreude versprühen – die Illusion von der guten, alten Zeit wäre perfekt.

Innenraum des Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien

Innenraum des Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien
Viel roter Samt prägt das Innere des Teatro Amazonas.

So schön das Teatro Amazonas von außen und innen anzusehen ist: Der rosafarbene Bau im Stil der italienischen Renaissance ist eben nur die schönste Hinterlassenschaft einer untergegangenen Epoche. Eine Fata Morgana inmitten des brasilianischen Urwaldes. Das wirkliche Leben spielt sich am Port Flutuante ab, wo es wie in einem wuseligen Ameisenhaufen zugeht. Der Kai wurde als schwimmender Ponton konzipiert, weil der Wasserstand des Rio Negro um viele Meter schwankt. Abwrackreife Kähne, Schnellboote, vor allem aber die für den Amazonas so typischen bunt bemalten Doppeldecker, die Garolas, liegen einträchtig nebeneinander. Aufgereiht wie an einer Perlenkette warten sie auf Passagiere: Einheimische, die zum Verwandtenbesuch flussaufwärts wollen, Backpacker aus Europa und Asien, für die die Flusspassage bis ins peruanische Iquitos eines der letzten großen Abenteuer auf ihrer Reise darstellt.

Der Hafen von Manaus, Brasilien
Am Hafen von Manaus starten zahlreiche Amazonasschiffe zu ihrer Fahrt stromaufwärts oder -abwärts.

Träger schleppen Pakete, Paletten, selbst ein funkelnagelneues Motorrad an Bord. Männer schieben Trolleys über die wacklige Gangway. Frauen mit Regenschirm tragen Babys mit schwarzbraunen Kulleraugen auf dem Arm. Laute Musik dröhnt aus den Boxen, denn ein besseres Plätzchen gibt es für die beiden Straßenmusiker in ganz Manaus nicht. In den kleinen Bretterbuden auf der anderen Straßenseite laufen die Geschäfte bestens. Säfte und Süßigkeiten wechseln die Besitzer, Spielzeug und bunte Heftchen mit dem neuesten Tratsch über die Reichen und Schönen des Landes werden gekauft.

Markthalle in Manaus, Brasilien
Zu den schönsten Sehenswürdigkeiten in Manaus gehört die stählerne Markthalle, entworfen von Gustave Eiffel.

Fast jeder, der die 1600 Kilometer lange Reise nach Bélem antritt oder flussaufwärts schippert, nach Iquitos, der Grenzstadt Tabatinga oder zu einem anderen verlassenen Nest am großen Strom deckt sich mit Mahlzeiten ein. Auf den Decks reiht sich Hängematte an Hängematte, grüne, gelbe, rote, gestreifte und karierte. Während sich die wenigen, winzig kleinen Kabinen im mörderischen Klima in wahre Glutöfen verwandeln, verbringen die meisten Passagiere die Tage und Nächte lieber schaukelnd im Freien.

Ponta Negra – der Strand von Manaus

Es soll Menschen geben, die Manaus mit all seinen Glanzlichtern und Schattenseiten nicht zu Gesicht bekommen: wenn sie beispielsweise im Hotel „Tropical“ übernachten, einer brasilianischen Institution aus Casa Grande und Gutshausstil. Die zwölf Kilometer hinaus aus der Stadt zum Strand von Ponta Negra, einem turbulenten Badeplatz für die Menschen aus den Bretterbuden, spare ich mir. Denn die MS „Hamburg“ hält sich im Gegensatz zu den Garolas an Abfahrtszeiten. In dicken Trauben stehen wir an der Reling, um einen letzten Blick auf das spektakuläre Naturschauspiel zu werfen: dem Meeting of The Waters.

Zusammenfluss von Rio Negro und Amazonas bei Manaus, Brasilien
Der Zusammenfluss von Río Negro und Amazonas ist ein gewaltiges Naturspektakel, dem man den Namen “Zusammentreffen der Wasser“ gegeben hat

Kurz vor Manaus treffen der milchkaffeebraune Amazonas und der fast schwarz erscheinende Rio Negro aufeinander. Kilometerlang fließen die beiden mächtigen Verbündeten einträchtig nebeneinander her – als habe der göttliche Lenker einen unsichtbaren Grenzbaum zwischen den beiden Strömen errichtet. Das „Encontro las Aguas“ liegt in der Natur der beiden Wasserläufe begründet: hier der Amazonas, zwar relativ kalt, aber mit einer Strömungsgeschwindigkeit von 7,5 Stundenkilometer recht flott unterwegs. Dort der Rio Negro, ein Schwarzwasserfluss, reich an Huminstoffen und deshalb ziemlich sauer. Zudem ist er wärmer und langsamer als sein großer Bruder. Erst fransen die Ränder aus, dann zeigen sich zweifarbige Wirbel und schließlich saugt der Amazonas seinen Gefährten komplett auf. Noch ein letzter Blick auf die Lichter der Stadt, dann verschluckt uns eine tropische Nacht voll undurchdringlicher Schwärze.

Wenn ihr wissen wollt, was ich am Oberlauf des Amazonas erlebt habe, in Orten wie Jutai – schaut einfach wieder vorbei. Und wenn auch dieser Beitrag gefallen hat, teilt ihn doch einfach auf euren sozialen Netzwerken.

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Beeindruckender Bericht und tolle Aufnahmen! Wie die beiden Flüße nebeneinander fließen, finde ich extrem faszinierend. Scheinbar spiegeln sie ja auch irgendwo Manaus wider mit vielen sehr schönen und teilweise auch abschreckenden (dreckigen, dunklen) Seiten.

    1. Liebe Dobata,
      ja so ist es. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte mich total in Manaus verliebt. Die Stadt ist mir persönlich zu laut, zu stickig und mit zu wenig Herz ausgestattet. Doch eine Amazonasfahrt ohne Manaus – das geht ja wohl gar nicht.

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