Bruder auf Achse

Karibikfeeling mitten in Amazonien

Manche Ecken der Erde wecken Sehnsüchte, wenn ihr Name fällt. Der Amazonas, der mit Abstand wasserreichste Fluss der Erde, ist für mich zweifelsohne einer dieser Sehnsuchtsorte. Es ist nicht nur seine pure Größe, die mich fasziniert, seine ungeheure Länge quer durch den südamerikanischen Kontinent. Es ist seine Bedeutung für Amazonien, diese grüne Lunge unseres Planeten. Auf ihm zu reisen, vom brasilianischen Belém bis nach Iquitos auf peruanischem Boden, hat nichts von einer Flusskreuzfahrt an sich; oft ist das Ufer nur ein schmaler Strich am Horizont. 14 Tage lang werden wir dem „Solimões“ folgen, wie der Fluss am brasilianischen Oberlauf noch immer heißt. Das Abenteuer beginnt gleich hinter Belém.

Regenwald am Amazonas
Wie eine grüne Wand wirkt der Regenwald am Amazonas.

Am Morgen hält mich nichts mehr im Bett. Das liegt nicht allein an der Zeitumstellung und an der Tatsache, dass laut meiner inneren Uhr Zeit für eine erste Kaffeepause wäre. Es sind die Bilder, die mir im Kopf rumspucken und mich kurz nach Sonnenaufgang an Deck treiben. Bilder von aufsteigenden Nebelschwaden über dem Urwald, die diese Schatztruhe der Schöpfung in ein mystisches Gemälde verwandeln. Von einem Himmel, der sich im Licht der aufgehenden Sonne blutrot und violett verfärbt. Von einem graubraunen Wasserspiegel, der an Wattflächen erinnert. Leider macht uns die graue Wolkendecke, durch die gelegentlich ein verirrter Sonnenstrahl blinzelt, einen Strich durch die Rechnung. Um es vorweg zu nehmen: Die berühmten Dampfschwaden über dem Regenwald am Amazonas bleiben unserer Vorstellung vorbehalten.

Kinder am Amazonas
Schon die Kinder beherrschen die Kunst, einen Einbaum zu lenken.

Das Landschaftskino entschädigt für alles. Keine Siedlung, höchstens ein paar auf Stelzen stehende Hütten erblickt das Auge. Eine grüne Wand aus Bäumen türmt sich auf, deren Namen wir nicht kennen, aus Büschen, denen wir nie begegnet sind, aus Lianen, an denen sich Tarzan entlang hangeln könnte. Das sonore Motorengeräusch der MS „Hamburg“ mischt sich mit dem Vogelkonzert am Ufer. Die Protagonisten dieses Zwitscherns, Zirpens und Hämmerns lassen sich nicht blicken. Wären da nicht die ratternden Motorboote der Flussmenschen, der caboclos, die diese seltsamen Eindringlinge auf dem großen weißen Schiff mit freundlichem Winken begrüßen – der Amazonasreisende könnte sich wie in der Frühphase der Schöpfung fühlen.

Fischfang am Amazonas
Der Amazonas liefert den caboclos, den Flussmenschen, den Fisch für das Mittagessen.

150 Kilometer hat die „Hamburg“ über Nacht zurückgelegt – 150 von insgesamt 3800. Zwischen Belém und Iquitos wird sie zwei Zeitzonen durchqueren, Brasilien durchkreuzen und den südlichsten Zipfel Kolumbiens streifen. Wir werden Dörfer und kleine Städte besuchen, wo Einheimische verzückt zum Selfie greifen, mit kleinen Booten verwunschene Seitenarme befahren und zu Fuß durch Indianerreservate stapfen. Iquitos, Perus größte Stadt im Regenwald, steht am Ende dieser Reise durch Amazonien.

Vorgeschmack auf den Amazonas

An diesem Morgen denkt niemand an die von Straßen und Highways abgeschnittene Dschungelstadt, die Jesuiten gegründet haben: als Bollwerk des Katholizismus. Belém an der Mündung des Rio Guamá in den Rio Pará hat uns einen Vorgeschmack auf den großen Strom gegeben, auf seine Wassermassen und seine schier unglaubliche Breite. Langsam realisiere ich die unvorstellbaren Dimensionen dieses Flusses, der gemeinsam mit seinen sagenhaften 15 000 Wasserträgern wie ein gigantisches Spinnennetz den größten Teil des südamerikanischen Kontinents überzieht. In meinem Kopf sind die bekannten Bilder des Rheins, der Donau oder der Rhône gespeichert. Im Vergleich zum Amazonas, der an vielen Stellen mehrere Kilometer breit ist, sind Europas Wasseradern regelrechte Zwerge.

Kunsthandwerk der Amazonas-Indianer
Mit handgefertigten Souvenirs verdienen sich die Amazonas-Indianer etwas dazu.

Die nackten Zahlen schwirren durch meine Gehirnwindungen. Rekorde scheinen dazu da, um vereinnahmt zu werden. Schier unglaubliche 209 000 Quadratmeter Wasser spuckt der Amazonas Sekunde für Sekunde in den Atlantik, was die europäischen Entdecker verwirrte: Folgerichtig tauften sie den riesigen Mündungstrichter Mare dulce, süßes Meer. Seine mächtigen Verbündeten – allen voran der Río Madeira, der Río Negro und der Río Ucayali – nehmen es lässig mit der europäischen Konkurrenz auf. Und seine Sedimentfahne, diese ockerfarbene Suppe, ist noch kilometerweit vor der Küste auszumachen. Die Erklärung für dieses Schauspiel? Pro Jahr führt der Amazonas eine Milliarde Tonnen Sediment mit sich.

Die „Pororoca“ des Amazonas

Selbst Extrem-Surfer haben ihren Spaß am großen Strom, wenn jedes Jahr im Frühjahr eine riesige und überaus gefährliche Flutwelle den Amazonas hochrollt und alles mit sich reißt, was sich ihr in den Weg stellt. „Pororoca“ nennen die Tupi-Indianer dieses spektakuläre Naturphänomen, „großes, zerstörerisches Grollen“. Das Wasser türmt sich bis zu vier Meter hoch, beschert den Adrenalin-Junkies aus aller Welt einen unvergesslichen Höllenritt und den Menschen und Tieren am Ufer die Hölle auf Erden.

Breves-Känäle im Delta des Amazonas.
In den Breves-Kanälen rücken die Ufer ganz nahe.

Die Breves-Kanäle, die den Rio Pará mit dem großen Bruder verknüpfen, kannte ich zuvor nicht. Umso größer ist die Begeisterung über diese Gezeitenkanäle, die Furos, durch die nur kleinere Schiffe fahren. So sehr uns der Amazonas mit seiner unermesslichen Breite beeindrucken wird, so verzückt sind wir von diesem Netz aus Wasserläufen im weitverzweigten Delta. Denn die „Hamburg“ schippert gleichsam durch das Wohnzimmer der Caboclos, der Nachfahren von Indios, Europäern und Afrikanern, deren Blut sich über Generationen mischte. Immer näher rückt das Ufer, immer schmaler wird die Fahrrinne, die für große Handelsschiffe und die unzähligen Schleppverbände tabu ist.

Aliens in Amazonien

Ganze Familien fahren in alten Kähnen mit abenteuerlichen Motor-Konstruktionen neben unserem Schiff her. Fischer im Einbaum werfen ihre Netze aus und entnehmen dem großen Strom das, was sie fürs Leben brauchen – nicht mehr und nicht weniger. Halbstarke testen die Stärke ihres Motorbootes und wagen einen abenteuerlichen Ritt im Kielwasser der „Hamburg“. Vom Ufer winken Kinder herüber, und mancher Erwachsene zückt ungläubig sein Handy. Für die Anwohner scheint diese Begegnung mit uns, den Wesen von einem anderen Stern, der reinste Festtag zu sein, wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Zum ersten Mal während dieser Schiffsreise stellt sich uns die Frage, wer hier wen als Attraktion betrachtet. Wer wird öfter fotografiert – die Brasilianer vor ihren Hütten, auf den Stegen oder in den Kähnen oder wir blasshäutigen Europäer auf dem weißen Touristendampfer. Diese Fragen werden uns auf dem ganzen Weg begleiten.

Amazonasschiff
Schiffe wie dieses sind das wichtigste Transportmittel für Mensch und Waren auf dem Amazonas.

Zufriedenheit ist ganz offensichtlich keine Frage des Geldbeutels. Keines der Häuser, die an den Ufern der Breves-Kanäle stehen, entspricht europäischen Ansprüchen. Meist besitzen die Menschen nicht viel mehr als einen einzelnen Wohnraum ohne Fenster und Türen, das Dach meist mit Wellblech gedeckt. Einige Hühner, vielleicht eine Kuh oder ein Wasserbüffel sind der einzige nennenswerte Besitz, neben den lebenswichtigen Booten und den Satellitenschüsseln. Das dritte Jahrtausend ist auch in diesem Winkel der Welt angekommen.

Zodiac in einem Seitenarm des Amazonas
Mit dem Zodiac lassen sich die Seitenkanäle des großen Amazonas erforschen.

So einfach, um nicht zu sagen armselig diese Hütten auf uns wirken, deren Stelzen bei den regelmäßig wiederkehrenden Überschwemmungen in den lehmgrauen Fluten verschwinden: Nie habe ich glücklichere Kinder gesehen, die auch ohne Game Boy, Playstation und dem neuesten Handy mit der Sonne um die Wette strahlen. Die Natur ist ihr Spielplatz, der Regenwald und der riesige Strom ihr Kinderzimmer. Übermütig planschen sie im Wasser, trotz der Piranhas mit den messerscharfen Zähnen. Behände steuern sie ihre kleinen Boote an die Zodiacs heran, um freudestrahlend ein paar Bleistifte und Schreibhefte in Empfang zu nehmen – wobei die Textmarker mit ihrem breiten Strich wahre Begeisterungsstürme hervorrufen.

Affen statt Hamster als Haustiere

Mutig klettern einige die gewaltigen Paranussbäume hinauf, die nicht ohne Grund „Kathedralen des Waldes“ heißen. Sie erfreuen sich am Flug der farbenprächtigen Papageien, studieren die emsigen Blattschneideameisen bei der Arbeit und halten sich Affen statt Hamster als Haustiere. Ich verstehe zwar kein Wort, als mich ein kleiner Bursche mit kugelrunden Hundeaugen anspricht, aber es hört sich weder nach Betteln, noch um die Bitte nach Bezahlung an. Das Foto, das wir von ihm gemacht haben, will er unbedingt sehen und quittiert es mit kindlichem Kichern.

der Strand vom brasilianischen Alter do Chão am Amazonas
Der schneeweiße Strand von Alter do Chão wurde vor einigen Jahren zum schönsten Brasiliens gewählt.

Nach wenigen Tagen haben wir uns eingerichtet im unabänderlichen Rhythmus des Flusses, im ruhigen Wechsel aus Schauen, Dösen und Erkundungsfahrten mit dem Zodiac. Nebenbei entdecke ich das Paradies, die Insel der Liebe, ein Stück feinster Karibik. Und das 1400 Kilometer von der Küste entfernt, mitten im Urwald.

Werbeschild für Alter do Chão am Amazonas
Alter do Chão an einem Amazonas-Nebenfluss ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Menschen aus Santarém.

Es ist einige Jahre her, dass die Zeitung „The Guardian“ den schneeweißen Strand von Alter do Chão zum schönsten Brasiliens gewählt hat. Nicht etwas die Baia do Sancho bei Fernando do Noronha, nicht die Dophins Bay bei Praia de Pipa – sondern den Strand in Amazonien. Dabei steht der das halbe Jahr unter Wasser, weil er während der monatelangen Regenzeit buchstäblich in den Fluten des Río Tapajos versinkt. Wir haben Glück – und sind sprachlos angesichts dieses karibischen Flairs, zu dem nur noch Reggaeklänge und Ganjaduft fehlen. Das kleine Dorf Alter do Chão mit seinem hochdekorierten Strand, 35 Kilometer von der 270 000-Einwohner-Stadt Santarém entfernt, ist so kitschig schön, dass ich mich in einem Hochglanzprospekt wähne. Die bunten Häuschen, die sich um einen quirligen Marktplatz gruppieren, die rosa- und babyblaufarbenen Plastikdelfine an der Uferpromenade, die auf die berühmtesten Bewohner des Amazonas anspielen, vor allem das Inselchen Ilha do Amor, das wie eine weiße Sichel im türkis schimmernden Fluss Tapajós liegt, machen Alter do Chão zur perfekten Wochenenddestination.

Bootsmotiv im brasilianischen Alter do Chão am Amazonas
Dieses Boot empfängt Besucher von Alter do Chão am Strand.

Am frühen Morgen sind die ersten Ausflügler aus dem nahen Santarém eingetroffen; die meisten per Boot, einige wenige Autofetischisten mit dem fahrbaren Untersatz. Die wenigsten kommen wegen des spektakulären „Encontros das aguas“ zwischen dem bräunlichen Wasser des Amazonas und den klaren Fluten des Tapajós. Auch nicht wegen des Kanals von Jari, einem Überschwemmungsgebiet, wo es von Vögeln, Schmetterlingen, Affen, Faultieren und Eidechsen wimmelt. Mit etwas Glück können Besucher dort die berühmten rosa Delfine mit der langen Schnauze beobachten. Die meisten zieht es aber auf die Liebesinsel, wo ein paar Dutzend Plastikstühle und -tische am Saum des badewannenwarmen Wassers stehen und ein halbes Dutzend Garküchen gegen Mittag den Grill anwirft.

 Freiluftrestaurant inAlter do Chão in Amazonien
Im Touristenort Alter do Chão gibt es sogar Freiluftrestaurants.

Wir tun es den Einheimischen nach. Bei Ebbe ist die lang gezogene Ilha do Amor zu Fuß zu erreichen. Bei Flut steht eine ganze Armada von Ruderern bereit, um die Sonnenhungrigen zur Sandkiste Amazoniens überzusetzen. Vier Reales, umgerechnet ein Euro, kostet uns die kurze Bootspartie hinüber zur Liebesinsel, die so zauberhaft ist, dass ich beinahe den letzten Tender zur „Hamburg“ verpasse. Wie Puderzucker rieselt der Sand durch die Fußzehen. Das Wasser ist angenehm temperiert, dass selbst Frostbeulen wie ich stundenlang darin planschen können. Und das einheimische Bier schmeckt so erfrischend, dass wir die Karibik Amazoniens für immer in unser Herz schließen.

ein Seitenkanal des Amazonas mit typischem Amazonas-Schiff.
Ein Labyrinth aus Strömen, Kanälen und Lagunen führt zum Maica-See bei Santarém.

In Santarém, das der aus Luxemburg stammende Jesuitenpater Jean-Philippe Bettendorff am 22. Juni 1661 gegründet hat, schenken wir uns den sonst obligatorischen Stadtspaziergang. Stattdessen entern wird eines der so typischen Amazonasschiffe, tuckern an der Stadtsilhouette mit der Kathedrale und den schönen Kolonialhäusern vorbei und nehmen Kurs auf den Maica-See. Wieder einmal tauchen wir in dieses Labyrinth aus Strömen, Kanälen und Lagunen ein, um einen Logenplatz für den Blick auf das Leben am Fluss zu ergattern. Eine ganze Rinderherde grast am Ufer; Mütter waschen ihre Wäsche im Fluss; T-Shirts und Hosen trocknen in der abendlichen Brise. Pedro, der junge Guide, entdeckt zielsicher das träge Faultier und den Leguan im grünen Dickicht. Ein paar Hobbyangler versuchen mit Leine und Köder ein paar Piranhas zu fangen. Wirklich furchterregend sehen die angeblichen Killermaschinen nicht aus, die den Köder geschluckt haben.

Abendstimmung am Amazonas

Abendhimmel über dem Amazonas
In allen Farben leuchtet der Abendhimmel über dem Amazonas.

Ich sitze lieber an der Reling und sehe dem Schauspiel am Himmel zu. Als wolle sie sich für das morgendliche Grau-in-grau entschuldigen macht die Natur in ganz großes Kino. Die untergehende Sonne verwandelt die Wolken in rosig- flauschige Wattebällchen. Rote, blaue und goldene Schlieren überziehen den Himmel, die Urwaldriesen wirken wie schwarze Scherenschnitte am Horizont. Wenige Minuten dauert das Farben-Feuerwerk, dann bricht eine stockdunkle Nacht über Amazonien herein. Noch 600 Kilometer liegen vor dem Schiff bis nach Manaus.

 

Wie es weiter geht auf unserer Amazonas-Reise? Schaut einfach wieder vorbei, wenn ich euch nach Manaus, der Millionenstadt im Regenwald entführe. Und wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, dann teilt ihn doch einfach auf euren sozialen Netzwerken.

 

 

 

 

 

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