Bruder auf Achse

Der noble Schotte auf Schienen

Eilean Donan Castle

Der „Royal Scotsman“ scheint dem victorianischen Zeitalter entsprungen. Mit seinen feudalen Waggons ist er einer der luxuriösesten Züge der Welt. Sein Reich: Schottlands Highland, die Lochs und Gleis.  Der Luxuszug fährt kreuz und quer durchs Land, von Edinburgh zur wilden Westküste.

Unterwegs mit dem noblen Schotten

„Mit dem königlichen Schotten reist man nur einmal im Leben“: Eddy, der schwerreiche Geschäftsmann aus Texas, blickt hingerissen auf die Landschaft, die an den Panoramafenstern vorbei schwebt. Blaue Seen voll tiefgründiger Schönheit wechseln sich ab mit wolkenverhangenen Bergspitzen, auf denen selbst im Hochsommer ein schneidend kalter Wind weht. Als habe er alle Zeit der Welt rollt der Zug durch winzige Dörfer, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und nur das Pub für ein wenig Unterhaltung sorgt, dampft über tollkühn geschwungene Brücken, schmiegt sich an verwunschene Bäche, die frei und ungezwungen mäandern dürfen. Mit jedem Meter, den sich der noble Schotte auf Schienen Richtung Norden vorwagt, verliert die Landschaft ein wenig mehr an Lieblichkeit, gibt sie sich spröder und melancholischer. Die leuchtend gelben Rapsfelder und die saftig grünen Wiesen, auf denen schwarz-weiß-gescheckte Kühe grasen, machen Platz für die baumlosen Bergkuppen der legendenumwobenen Highlands, die so rund geschmirgelt sind wie die Steine an der Küste. Im Frühjahr haben sie ein braun-grünes Kleid übergestreift, unter dem sie ihre weiblichen Rundungen verbergen. Doch im Spätsommer, wenn die Heide das Land mit pink und violett überzieht, streifen sie ihr Aschenputtelkostüm ab.

der Royal Scotsman unterwegs in Schottland
Luxuriöser als im „Royal Scotsman“ (Foto: Belmond) lässt sich Schottland kaum entdecken.

Im Land der Kilts und Dudelsäcke

Wer Schottland von seiner gediegenen Seite erleben möchte, mit einem Touristenzug, bei dem das Wort Luxus reichlich untertrieben wirkt, darf auf ein paar Euro mehr oder weniger nicht achten. Klar, der legendäre Orient-Express ist bekannter, der Eastern & Oriental von Bangkok nach Singapur berühmter, doch mit dem Royal Scotsman von Belmond, diesem rollenden Refugium durch das Land der Kilts und Dudelsäcke, können es die beiden Konkurrenten nicht aufnehmen. Die Queen hätte ihre Freude an den schnuckeligen Schlafabteilen, die trotz feinsten Mahagonis, schwerer Vorhänge und edler Bettwäsche an das Schlafgemach zu kurz geratener Zwerge erinnern. Der Duke of Edinburgh, der bekanntlich kein Fettnäpfchen auslässt, würde es sich im dunkelroten Plüsch des Observation Cars gemütlich machen und beim Smalltalk mit den anderen Passagieren den ein oder anderen Whisky älteren Datums hinter die Binde kippen. Gut, an Bord heißt es ein wenig zusammenrücken, weil das Platzangebot von der Breite der Waggons bestimmt wird. Doch in die Kabinen geht es ja ohnedies nur zum Schlafen.

Teure Schnupperreise

Ein solch wahrlich königlicher Trip hat seinen Preis. Schon die „Sparversion“ zum Schnuppern kostet stolze 3000 Euro; für den Preis der einwöchigen „Grand North Western“ gäbe es auch schon einen netten Kleinwagen, allerdings ohne solches Beiwerk wie Tontaubenschießen, Lachsangeln sowie den Besuch in einigen der besten Destillerien des Landes. Ein echter Schotte, allseits bekannt für seine Sparsamkeit, würde kaum ein paar Tausend Euro springen lassen, nur um träumerische Blicke auf Hochmoore und Lochs zu werfen und dabei eine Tasse Earl Grey zu schlürfen. Doch Eddy, der Mann mit dem breiten Slang, ist weder Schotte, noch sparsam, schon eher ein neureicher Beauvivant, der guten Wein, feine Küche und erlesene Zigarren schätzt.

Kein schnödes Transportmittel

Schon in Edinburghs Hauptbahnhof Waverley Station, wo die Reise durch die Highlands beginnt, wird klar, dass der Royal Scotsman alles andere als ein schnödes Transportmittel ist. Während das gemeine Volk zu Allerweltszügen hastet, lassen sich die drei Dutzend Passagiere auf dem Bahnsteig von einem Heer guter Geister betüddeln und bemuttern. Erlesene Häppchen werden gereicht, Gläser mit Champagner aufgetragen, ein Dudelsackspieler in Landestracht samt pelziger Kopfbedeckung vergreift sich an alten Popklassikern. Die historischen Waggons in purpurrotem Lack und mit goldenen Zierstreifen sind blitzblank geputzt –als ginge es darum die beste Putzfrau Schottlands zu küren. Noch schnell ein Abschiedsbild mit dem Station Master in Galauniform, schon rollt der Königliche durch Edinburghs Vororte.

Edinburgh Castle gilt als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Schottlands
Edinburgh Castle ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Schottlands.

Der „Royal Scotsman“ im Land der Clans

Knapp 1 000 Kilometer wird der Luxuszug auf seiner Reise durch das Land der Clans und Tartans zurücklegen, wird die geschäftige schottische Hauptstadt gegen die geruhsame Highland-Metropole Inverness eintauschen und in Kyle of Lochalsh das Tor zur Insel Skye aufstoßen. Draußen ziehen schottische Bilderbuchlandschaften im Breitwandformat vorbei, werden all jene Klischees bedient, die Laien zu dem windzerzausten Landstrich einfällt:  Nessie, Röcke tragende Naturburschen und ein Nationalgericht namens Haggis, in das Schafsinnereien verwurstelt werden. Zinnengekrönte Schlösser und feudale Herrenhäuser verstecken sich hinter meterhohen Rosenhecken; Schafe und Pferde grasen friedlich auf der Weide, mühsam aufgetürmte Steinmauern ziehen sich hinauf und hinab. Kerry, die flotte Australierin fortgeschrittenen Alters, verfällt angesichts der wildromantischen Szenerie wie aus einer Pilcher-Schnulze in einen regelrechten Glückstaumel.

Urquhart Castle am Loch Ness, Schottland. eine der Stationären während der Fahrt mit dem Royal Scotsman
Die Ruine von Urquhart Castle liegt am legendenumwobenen Loch Ness.

Der Weg ist das Ziel

Eddy hat längt Abschied vom hektischen Alltag genommen und ist in der guten alten Zeit angekommen, als der Weg noch das Ziel war und das gleichmäßige Rattern des Zuges den Takt vorgab. Im Observation Car, dem gesellschaftlichen Mittelpunkt des Zuges, werden inmitten mahagonigetäfelter Wände und plüschiger Sessel Erfahrungen ausgetauscht, über das Bankerdasein in Brüssel und die Unternehmerkarriere in Texas philosophiert, werden Lebensparallelen entdeckt und Unterschiede ausgemacht. Der Schampus lockert die Zunge, macht Fremde zu Freunden. Manch einer bedient sich in der reichhaltigen Bordbibliothek und ist nach einigen Tagen Lektüre Fachmann in schottischer Geschichte. Ein anderer geht den Geheimnissen von Single Malt und Blend Whisky auf den Grund, die in über hundert schottischen Destillerien gebrannt werden. Der dritte wiederum lässt sich auf der Aussichtsplattform mit dem verschnörkelten Baldachin den Fahrtwind um die Nase wehen.

Lokal in der Royal Mile in Edinburgh
Ein hübscher Platz für eine Pause- an der Royal Mile in Edinburg.

Während die Diesellokomotive mit ihren 2000 Pferdestärken behäbig Richtung Norden rollt, über die Halbinsel Fife, die wie der Kopf einer Dogge ins Meer ragt, schmeißen sich die Highland-Traveller in Schale. Mave, die rüstige Rentnerin aus „Down Under“, hat einen ganzen Schrankkoffer dabei und wird ihre Mitreisenden in den nächsten Tagen zu Breakfast, Lunch und Dinner mit immer neuen, luftigen Fummeln beglücken. Schließlich sei der „Scotsman“ nicht weniger luxuriös als die schwimmende „Queen Mary“, nur mit dem Unterschied, dass die paar Dutzend Edel-Brände, die in der Bar auf Genussmenschen warten, nicht das Bordkonto belasten. Beim abendlichen Entertainment mit schottischen Tänzen und Weisen bekommt es so mancher Tanzmuffel mit der Angst zu tun. Da hilft nur eins: Mut antrinken mit dem samtig -weichen Whisky, der so angenehm die Kehle kitzelt und die Sinne benebelt. Ein echter Schotte versetzte das gold-braune Stöffchen zwecks Aromaentfaltung mit einem Spritzer Quellwasser, erzählt Host Tom, niemals mit Eis, was Eddy und all die anderen Liebhaber von Whisky on the rocks sichtbar erschüttert.

Schottische Volkstänze

Der flüssige Muntermacher wirkt jedenfalls wahre Wunder: Die fröhliche Runde, die sich vor wenigen Stunden noch gänzlich fremd war, legt die beiden schottischen Volkstänze nach einigem Üben so schmissig aufs Parkett, als habe sie nie was anderes getan. Woher die fröhlichen Schrittfolgen allerdings ihre Namen haben –„Dashing White Sergeant“ und „Strip The Willow“-, wird wohl auf ewig Toms Geheimnis bleiben, der mit seinen blau-grün karierten Hosen und dem noblen Spencer nebst Weste wie ein Highland-Laird aus dem Bilderbuch aussieht.

Der Kilt und sein Geheimnis

Den Kilt hat der einstige Ausbilder der britischen Armee vorsorglich zu Hause gelassen: Das großkarierte Beinkleid sei bei seinen strammen Waden optisch einfach ansprechender als der knielange Faltenrock im Tartanmuster, unter dem echte Mannskerle aus den Highlands angeblich nichts tragen. Frau muss sich dennoch nicht grämen, schließlich bekommt sie das berühmte Kleidungsstück, das ausgerechnet ein englischer Fabrikbesitzer ersonnen haben soll, im Lauf der Reise noch häufig zu Gesicht. Selbst Eddy, der mit seinen Jeans verwachsen zu sein scheint, entscheidet sich am Ende der Reise für den modischen Hingucker.

schottisches Hochlandrind
Urtümlich und zottelig: schottische Hochlandrinder.

An der Pforte zur Insel Skye

Doch soweit ist es noch nicht. In weitem Bogen fährt der Zug von der Nordseeküste über das Hochlandgebirge bis hinüber zum Atlantik, wo der Blick zur Hebrideninsel Skye schweift, die völlig unvermittelt aus dem schäumenden Meer aufsteigt. Für die Eisenbahnbauer war die Streckenführung eine Herausforderung, besonders jene 130 Kilometer zwischen Inverness im Osten und Kyle of Lochalsh an der wilden Westküste. Was die Arbeiter zur Verzweiflung trieb – das unwegsame, menschenleere Terrain –, versetzt die Eisenbahnfreaks in Entzücken, denn auf welcher Reise bekommt man schon Schnee und Palmen innerhalb von zweieinhalb Stunden geboten?

Der „Scotsman“ kämpft sich voran

Meter um Meter kämpft sich der „Scotsman“ voran, dringt immer weiter in das ebenso malerische wie ruppige schottische Hochland vor. Das Land ist wirklich so mystisch schön, wie es Cineasten aus Filmen wie „Highlander“, „Rob Roy“ oder „Braveheart“ kennen: liebliche Lochs, grüne Hügeln, die sich im stillen Wasser spiegeln, verwunschene Glens, wo sich früher die Clans gegenseitig niedermetzelten, geheimnisvolle Moore – die Ausblicke sind einfach atemberaubend. Auf den Gipfeln glänzt der letzte Schnee in der Sonne, während entlang der Schienen ein Meer aus Rhododendren blüht. Kleine Flüsse nagen sich hartnäckig durch das uralte Gestein, und im blaugrünen Wasser des geheimnisvollen Loch Luicharts hausen noch immer freche Geister und Kobolde. Kilometerweit ist kein Dorf, nicht mal ein einziges Haus zu erkennen, nur Schafe mit ihren verspielten Jungtieren grasen auf den abenteuerlich steilen Hängen, die sich rechts und links vor den Zugfenstern auftürmen. Kein Wunder, dass die Schotten als sparsam, gar geizig gelten. Reiche Ernte bringt diese karge Erde nicht hervor.

Schottischer Küstenort
Der „Royal Scotsman“ fährt von Edinburgh an die wilde Westküste Schottlands.

Erst in Plockton, wo Seebär Callum mit seinem Ausflugsschiff auf die Passagiere wartet, wandelt sich die Szenerie. Das 200-Seelen-Örtchen liegt so geschützt an einer Bucht, dass im Biergarten des Plockton-Hotels sogar meterhohe Palmen gedeihen. Der Golfstrom macht`s möglich, wie das schottische Original fröhlich erzählt. Ob seine gute Laune der Whiskymarke Jura zu verdanken ist, die Callum für die beste ganz Schottlands hält?

Stilecht zum High Tea

Bei den Hausherren von Ballindalloch Castle sucht man solche Rachenputzer vergeblich; Lady Claire und ihr aus England stammender Gatte nippen lieber an einer Tasse Earl Grey, die zum High Tea stilecht mit Scones, dicker Sahne und feinster Marmelade serviert wird. Die Lady, deren Familie seit 23 Generationen in dem Bilderbuchschloss am River Spey residiert, sieht aus, als käme sie soeben vom Kaffeekränzchen bei Queen Elizabeth: ein elegantes cremefarbenes Kostüm mit blauen Paspeln, eine dezente Perlenkette und ein niedlicher Norfolk-Terrier namens Jazzman im Schlepptau sind einfach Pflicht, wenn man einem der ältesten Clans des Landes angehört, dessen „Amtssitz“ vollgestopft ist mit teurem Porzellan, Nippes und Polstermöbeln mit Blümchendekor.

Adlige Sippschaft

Locker parliert die Lady über die adlige Sippschaft, erzählt von der alljährlichen Moorhuhn-Jagd und von dem freundlichen Gespenst, das bei Nacht durch den feudalen Familienbesitz wandelt. Dass er heute wieder in aller Pracht erstrahlt, ist auch dem Gatten zu verdanken, der – how shocking – ein Bürgerlicher und noch dazu aus Feindesland stammt. Neben den Aberdeen-Angus-Rindern, die als saftige Steaks auf amerikanischen Tellern landen, sorgen der unvermeidliche Golfplatz und ein Windpark für neue Einnahmequellen. „Am Anfang waren die Leute nicht besonders begeistert über die Rotoren, doch mittlerweile haben sie sich an den Anblick gewöhnt“, erzählt der Geschäftsmann, während Lady Claires berühmter Vorfahre, der erste Gouverneur von Florida, huldvoll auf die geschäftstüchtigen Nachkommen herunter lächelt.

Schottischer Kilt in einem Geschäft an der Royal Mile in Edinburg
Das Beinkleid für den schottischen Mann gibt es in vielen Geschäften zu kaufen.

Der „Royal Scotsman“ im Nirgendwo

Es ist Abend geworden an Bord des Royal Scotsman: Der Küchenchef zaubert in seiner winzigen Kombüse ein sterneverdächtiges Menü herbei, Zugmanager John holt die passenden Weine hervor, die freundlichen Stewardessen schlagen die Betten im Abteil auf und ziehen die schweren Vorhänge zu. Für die Nacht sucht sich der Luxuszug ein ruhiges Plätzchen, ein stilles Abstellgleis irgendwo im schottischen Nirgendwo. Kein Rattern, kein Ruckeln stört die Nachtruhe, bis es am nächsten Morgen an der Tür klopft und zum Weckruf eine dampfende Tasse Tee serviert wird.

Die wirkliche Welt ist ganz weit weg, der Bankeralltag in Brüssel vergessen, die Unternehmerkarriere in Texas aus dem Sinn. Kerry ist längst zur Fachfrau für schottische Geschichte mutiert, doziert flüssig über die Schlacht von Bannockburn – dem einzigen siegreichen Waffengang gegen den Erzfeind im Süden, der fest in der schottischen Volksseele verankert ist -, schwärmt vom Stuart-Nachkommen „Bonnie Prince Charlie“, dessen Versuch, die Krone zurückzugewinnen, kläglich auf dem  Schlachtfeld von Culloden scheiterte. Noch einmal die tieftraurige Melodie vom „Loch Lomond“, noch ein letzter Blick auf die spektakuläre Meeresenge des Firth of Forth mit der gewaltigen, in rot erstrahlenden Forth Bridge – schon rollt der Royal Scotsman in Edinburgh ein. Noch einmal entlockt der Dudelsackspieler seinem Instrument diese seltsam quäkenden Töne, bevor er Richtung Alltag verschwindet. Was er unter dem Kilt trägt, bleibt sein Geheimnis.

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