Schlösserpracht an der Loire

Amboise badete in Blut: Wenn es um ihren Sohn Franz ging, kannte Katharina von Medici keine Gnade. Als der Königinmutter zu Ohren kam, dass die Hugenotten die Entführung des jungen Herrschers planten, um ihn dem Einfluss der streng katholischen Familie Guise zu entziehen, fackelte die energische Dame nicht lange. Die Gnadenlose, die auf Bildern lammfromm aussieht, lockte die Protestanten nach Amboise, dessen prächtige Burg in strategisch günstiger Lage über der Loire thront, ließ die Aufwiegler verhaften und an Ort und Stelle hinrichten. Etliche der unglücklichen Opfer ließ sie an der Fassade des königlichen Schlosses aufknüpfen, wo sie zur Abschreckung wochenlang hängenblieben. Andere wurden am Abend als lebende Fackeln missbraucht. Heute herrscht Ruhe in dem bezaubernden Loire-Städtchen, das sich zwei Jahrhunderte lang in königlichem Glanz sonnen durfte und von wo aus Frankreichs Herrscher die Geschicke ihres Landes leiteten.

Schloss Amboise an der Loire
Wo Frankreichs Könige rauschende Feste feierten: Schloss Amboise.

Die einstige Burg der Grafen von Amboise, die Schauplatz von Geburten, Taufen und Hochzeiten war, die Verschwörungen und Friedensabschlüsse erlebte, war sozusagen der Kindergarten der Könige Frankreichs: Hier wurde Karl VIII geboren, der die Burg – einmal in ihren Besitz gekommen – in gotischem Flamboyant-Stil umbauen ließ; hier wurden Franz I, seine Schwester Margarete von Angoulême und die Kinder von Heinrich II und Katharina von Medicini erzogen.

Letzte Ruhe für da Vinci

Karls Nachfolger brachten die in Mode gekommene Renaissance ins Loiretal, fügten weitere Wohnflügel an, verpflichteten namhafte Künstler wie Leonardo da Vinci, der die letzten drei Jahre seines Lebens in dem Loirestädtchen verbrachte und in der eigenwilligen Hubertuskapelle seine letzte Ruhe fand. So atemberaubend muss der Anblick des hoch über der Stadt gelegenen Schlosses mit seinen 220 Räumen gewesen sein, dass ein zeitgenössischer Zeuge Amboise als „schönstes Gebäude Frankreichs“ bezeichnete.

Hubertuskapelle Schloss Amboise
In der Hubertuskapelle von Schloss Amboise wurde Leonardo da Vinci begraben.

Als die Herrscher dem Loiretal jedoch den Rücken kehren und endgültig nach Paris übersiedeln, ist das Schicksal der gewaltigen Anlage besiedelt. Im 19. Jahrhundert ist das Prunkschloss nur noch ein Schatten seiner selbst. Der neue Besitzer, ein gewisser Pierre-Roger Ducos, ein Freund des französischen Kaisers Napoleon, ruiniert es systematisch und verwendet es als Steinbruch. Nur ein Fünftel der Gebäude übersteht unbeschadet den Ausverkauf, mit dem sich der Senator und Konsul seine Schatulle füllt. „Was vier französische Könige in 70 Jahren aausbauten, zerstörte ein Einzelner in vier Jahren“, erzählt Marie, die Touristen durch die riesigen Hallen führt, wo noch immer gemeißelte Lilien und der bretonische Hermelin an Karl VIII und seine Gemahlin Anne, die Herzogin der Bretagne, erinnern.

Glasfenster Amboise
Prächtige Glasfenster schmücken die Hubertuskapelle.

Wer auf das Dach des Minimenturms klettert, wo einem das Meer aus verschachtelten Hausdächern zu Füßen liegt und der Blick weit über die hügelige Touraine schweift, dieses stille Land zwischen Loire und Indre, Cher und Vienne, kann verstehen, dass König und Hofstaat diesem bäuerlichen Landstrich den Vorzug gaben gegenüber dem schmutzigen, unsicheren Paris. Maitre Rabelais, der aus der Gegend von Chinon stammte, bezeichnete diesen Garten Frankreichs als „Land erfüllt von allen Köstlichkeiten – ein Land von klarer Grazie“, wo Pappelhaine einen azurblauen Himmel küssen und graue Schlösser hinter Rossenhecken posieren.

Loire in Frankreich
Die Loire ist Frankreichs längster Strom und berühmt für ihre vielen Schlösser.

Und mittendrin die Loire

Und mittendrin die Loire, die sich viel von ihrer Ursprünglichkeit bewahrt hat, mit ihren verwunschen wirkenden Uferauen, den von Vögeln bevölkerten Sandbänken und den uralten Bogenbrücken. Frankreichs längster Fluss wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, wurde nie begradigt oder in ein Betonbett gezwängt, In zahllosen Schleifen und Schwüngen mäandert der Wasserlauf durch Wiesen und Wälder, spaltet sich in unzählige Rinnsale auf, spült Sandbänke weg, um sie ein paar Kilometer weiter wieder zu vergänglichen Inseln anzuhäufen.

Mehrere Richtungswechsel

Eigensinnig ist Europas letzter wilder Strom auf den gesamten 1020 Kilometern, von seiner Quelle in den Cevennen bis zur Mündung bei St. Brevin. Weil die junge Loire nämlich noch viel zu schwach ist, um den Riegel aus hartem Granitgestein zu knacken, fließt sie erstmal nach Norden statt Richtung Mittelmeer. Bei Orleans, kurz vor dem Pariser Becken, folgt eine weitere Wendung nach Westen. Schiffbar ist der königliche Fluss nur die letzten 60 Kilometer, wohl auch wegen des wichtigen Hafens in Nantes. Die restlichen 960 Kilometer tobt sich der Fluss nach Lust und Laune aus, trocknet mal fast gänzlich aus, bringt Überschwemmungen und Zerstörung. An seiner Launenhaftigkeit scheiterte glücklicherweise auch das Vorhaben, den Abschnitt zwischen Tours und Orleans schiffbar zu machen: manches Schiff brauchte volle vier Wochen für die kurze Strecke, an der nur noch ein Leuchtfeuer mitten im Binnenland Zeugnis für jene hochfliegenden Pläne ablegt.

Marzipan in Geschäft in Amboise.
Leckeres gibt es in vielen Geschäften in Amboise zu kaufen.

Nirgendwo sonst – vielleicht noch in Burgund – hat das feudale Frankreich des ausgehenden Mittelalters solche Kleinode hinterlassen wie an der Loire und ihren Seitentäler, weshalb die UNESCO das königliche Tal im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Zwischen Chalonnes und Sully reiht sich Schloss an Schloss; hier verschmelzen die himmelwärts strebenden Formen der späten Gotik mit den verspielten Elementen der Renaissance. Wie eitle Schönheiten spiegeln sich die prunkvollen Paläste im blaugrünen Wasser des noblen Flusses, vieltürmig, erhaben und spielerisch zugleich. Hinter jeder Wegbiegung taucht eines jener Märchenschlösser auf, deren überbordende Verzierungen überirdisch schön erscheinen.

Die Dramen der Geschichte

Hinter diesen Mauern spielten sich Dramen ab: das Drama der französischen Herrscher aus dem Hause Valois, die oft zögerlich und mit hohen Verlusten den mehr als 100jährigen Krieg gegen die Engländer führten; das Drama um den rechten Glauben; das Drama um Liebe und Eifersucht. Ein schöneres Beispiel für letzteres als Chenonceaux kann es nicht geben, das Pfand der Liebe, das sich so unsagbar fotogen über den Cher, einen Nebenfluss der Loire spannt. Heinrich II schenkte es seiner Geliebten Diane de Poitiers, einer Dame mit rotblondem Haar, dunklen Augen und schmalen Augen, die wohl eher kluge Beraterin, denn heißblütige Bettgenossin war. Für die standesgemäße Ausstattung des Schlosses, das sich Heinrich II von einem in Ungnade gefallen Höfling „schenken“ ließ, erfand der Herrscher flugs eine neue Steuer: Immer wenn irgendwo in Frankreich eine Kirchenglocke aufgehängt wurde, klingelte es in der königlichen Schatulle, was besagten Rabelais reichlich frech kommentierte: „Der König hat alle Glocken unseres Landes um den Hals seiner Stute gehängt.“

Geldschein
Nicht verkehrsfähig: ein Geldschein mit dem Schloss von Amboise.

Zwei Frauen als Baumeister

Es ist schon ein Scherz der Geschichte, dass die schöne Diane, die sich als Jagdkönigin mit nacktem Oberkörper verewigen ließ, und ihre Rivalin, Heinrichs Gemahlin Katharina von Medici, Hand in Hand an der architektonischen Vervollkommnung des Liebesnestes arbeiteten. Die eine ließ die elegant geschwungene Brücke über den Cher errichten, die andere fügte die geschlossene Doppelgalerie hinzu. Es ist die elegante Silhouette seiner Steinbögen, die Chenonceau aus der Parade fürstlicher Prunkentfaltung herausheben. Das Schloss der Damen scheint gleichsam über dem Nebenarm der Loire zu schweben, strahlt so viel Heiterkeit und Lebenslust aus, dass nur zu verständlich ist, dass sich Maria Stuart während der düsteren Tage in englischer Gefangenschaft mit Wehmut an die glückliche Zeit in Chenonceau erinnerte.

Schlösser der Loure als Souvenir
Wer nicht alle Schlösser der Loire besuchen kann, für den gibt es solche Souvenirs.

Informationen

Wenn ihr mehr über die 400 Schlösser der Loire erfahren wollt, die entlang des Stromes und seiner Nebenflüsse stehen, empfehle ich auch folgende Seite:  www.schloesser-der-loire.com. Die Schlösser der Loire lassen sich auf per Rad entdecken. Der 800 Kilometer lange Loire-Radwanderweg verbindet Cuffy (Cher) mit St-Brévin-les-Pins (gegenüber von Saint-Nazaire) und ist bestens ausgeschildert.

Perfekt für Familien: Im Miniaturpark in Amboise sind Modelle von 44 der bekanntesten Schlösser der Loire im Maßstab 1:25 zu sehen

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2 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel! Ich liebe Schlösser und Frankreich natürlich auch 🙂 Das muss ich auf jeden Fall mal auf meine Bucketlist schreiben!!

    Liebe Grüße
    Patricia von patnitravels

    1. Liebe Patti,
      ja Frankreich ist ein absolut tolles Reiseland und die Loire-Sclösser sind wow. Wer Zeit hat und sportlich ist, der kann von einem Schloss zum nächsten radeln. Ich war wegen Zeitmangels per Auto unterwegs.

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