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Schwedens Norden: Doppelpack aus Natur und Kultur

Mitternachtssonne und Nordlicht: Schwedens Norden ist eine Welt voller Gegensätze. Was weniger bekannt ist: Die Provinzen Norrbotten und Västerbotten sind nicht nur ein Paradies für Naturfreunde, die Städte Umeå als auch Luleå bieten sich wegen ihres großen Kulturangebots als Zwischenstation an.

Umeå und der berühmte Krimiautor

Allzu viel Gedanken haben sie sich in der nordschwedischen Stadt Umeå um den berühmtesten Sohn nicht gemacht. Keine Statue wurde ihm zu Ehren errichtet. Kein Museum beleuchtet das Schaffen des Worcaholic. Keine Straße, schon gar keine Schule trägt seinen Namen, obwohl der bei Fans düsterer Krimis voll schockierender Gewalt einen Ruf wie Donnerhall hat.

Vielleicht hängt die komplette Verweigerung mit dem Lebensstil des Geschmähten zusammen, eines unbeirrbaren Aktivisten, der wie ein Schlot rauchte und viel zu viel Bier und Kaffee konsumierte: Die nächtlichen Schreiborgien mussten ja irgendwie überstanden werden.

Blick in die Fußgängerzone von Umeå

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Stadtväter verschnupft darüber sind, weil sich der Schriftsteller zu keiner Erwähnung seiner Heimatstadt in seinem literarischen Werk durchringen konnte – als ob es erstrebenswert wäre, in Wälzern wie „Verblendung”, “Verdammnis” oder „Vergebung” aufgelistet zu werden.

Stieg Larsson und Umeå: Das ist mitnichten eine Liebesgeschichte. Und gäbe es nicht die Nya Konditoriet an der Kungsgatan, wo der Schöpfer der 82 Millionen Mal verkauften „Millenium“-Trilogie der „Fika“ fröhnte – in der Universitätsstadt am Bottnischen Meerbusen würde gar nichts an den berühmten Autoren erinnern, der mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt starb und den weltweiten Erfolg seiner Bücher nicht mehr miterleben konnte.

Ein typisches Bild an Schwedens Küste: viele vorgelagerte Inseln.

Umeå: kein zweites Ystad

Dabei hätte die 1622 von König Gustav II. Adolf gegründete Stadt an der Mündung des Flusses Flusses Ume älv durchaus die Kulisse für Larssons mörderisches Treiben abgeben können. Doch aus Umeå ist kein zweites Ystad geworden, wo sich die Kenner von Hennig Mankell auf die Spuren von Kommissar Wallander begeben. Und die Provinz Västerbotten ist für die meisten Schweden-Reisenden keine Alternative zu Schonen mit seinen vielen Sandstränden, den wehrhaften Burgen und den hübschen Dörfern.

Stieg Larssons Lieblingscafé in Umeå

Lapplands Süden ist für die meisten Mitteleuropäer eine unbekannte Größe. Denn von Stockholm aus geht es nochmals 600 Kilometer Richtung Norden. An der weitgehenden Unbekanntheit hat auch der Umstand nichts geändert, dass Umeå 2014 Europäische Kulturhauptstadt war. Folgerichtig sind in Larssons Lieblingskonditorei nur Einheimische anzutreffen sowie Durchreisende, die dem Ruf der Wildnis folgen und zwischendurch der „Fika“ frönen, dem heiligen schwedischen Brauch des nachmittäglichen Kaffee- und Kuchenklatsches .

Waffeln. Marmelade und ganz viel Sahne sind ein beliebtes Gericht für die schwedische “Fika”, den nachmittäglichen Kaffee- und Kuchenklatsch.

Mit einem Hauch Wiener Kaffeehaus, einer Brise Omas gute Stube mit Spitzendeckchen und Sammeltassen versprüht die „Nya Konditoriet“ alles, nur keinen elitären Pomp. Hier regiert wie überall in Schweden Bodenständigkeit; hier gibt man sich unkompliziert und anti-hierarchisch. Seniorenrunden löffeln Kalorienbomben mit zentimeterdicken Sahnehauben.

Am Nachbartisch futtern Studenten ein Räksmörgås.

Daneben genehmigen sich die Angestellten aus dem gegenüberliegenden Rathaus das Dagens Rätt mit fettem Speck und der unverzichtbaren Preiselbeermarmelade. Zur Untermauerung des tief verankerten schwedischen Ideals, dass alle Menschen den gleichen Wert haben und die gleichen Chancen genießen sollten, bringt jeder sein Tablett höchstselbst zurück zur Theke.

Ein Brunnen mitten in der Fußgängerzone von Umeå

Umeå: die Stadt der Birken

Ohne diese Bereitschaft, in schwierigen Lagen mit anzupacken, wäre das Leben zwischen dunklen Wäldern, glasklaren Seen, rauschenden Bächen und tief eingeschnittenen Tälern noch schwerer als es ohnehin schon ist. Zwei Jahrhunderte lang war die Stadt nicht viel mehr als ein größeres Dorf am rauschenden Fluss: Das nämlich bedeutet der Name Umeå in der Sprache der samischen Ureinwohner.

Doch dann kam ein heißer Junitag 1888, als ein verheerender Brand die Stadt in Schutt und Asche legte. Glücklicherweise war Mittsommer und fast alle waren zum Feiern draußen, so dass keine Opfer zu beklagen waren. Doch ein Großteil der typischen Holzhäuser war verschwunden.

Blick auf Sundsvall, das 1888 durch einen Stadtbrand zerstört worden war und anschließend im wilhelminischen Stil wieder aufgebaut wurde

Im Gegensatz zum südlicher gelegenen Sundsvall, das am selben Tag ebenfalls durch eine Feuersbrunst zerstört wurde und aus Brandschutzgründen komplett im prunkvollen wilhelminischen Stil wieder aufgebaut wurde, entschied man sich in Umeå für breite Schneisen, bepflanzt mit Tausenden von Birken. Das brachte der Stadt ihren Beinamen ein.

Allerdings sieht man die praktischen Wasserspeicher eher selten in voller Pracht. Die Bäume schlagen oft erst Ende Mai aus und verlieren ihre Blätter schon in der zweiten Septemberhälfte.

Umeå: Zweck wichtiger als Ästhetik

Wer seinen Weg nach Umeå findet, der wird auf den ersten Blick ziemlich enttäuscht sein. Denn eine nordische Schönheit ist die schnell wachsende Stadt nun wirklich nicht.

Wer nach vielen Kilometern durch endlose Natur aus Fichten, Tannen, Birken und Kiefern auf dem 63. Breitengrad  landet, steht urplötzlich inmitten eines Konglomerats aus schmucklosen Bauten und überbreiten Boulevards, die höchstens als Verkehrsweg für die allgegenwärtigen Fahrräder taugen, nicht aber als gemütliches Wohnzimmer für Einheimische und Besucher.

Vor allem die Bauwut in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Stadt ihres historischen Kleides beraubt und ihr stattdessen ein schmuckloses Outfit verpasst. Nüchterne Quader aus Beton dominieren das Bild, hingeworfen wie Legosteine, deren Zweck das sprichwörtliche Dach über dem Kopf und nicht die Ästhetik ist.

Hübsche Holzhäuser sind nur am Ufer des Flusses Ume älv zu finden.

Architektonische Juwelen sind selten

Es gibt sie, die Relikte einer fernen Zeit, als Umeå zum wichtigen Handelszentrum im Norden aufstieg, wie beispielsweise das Rathaus im Stil der Neorenaissance, das mit seinen roten Backsteinmauern und den verspielten, hellen Sandsteindetails prima nach Kopenhagen passen würde.

Und ein paar alte Villen mit filigranen Erkern und kunstvollen Schnitzereien an den Giebeln verbreiten mit ihren Pastellfarben einen Hauch Fröhlichkeit. Doch solche architektonischen Juwelen sind rar.

Umeå: Kulturstadt des Nordens

Dass es auch innovativer und damit zukunftsweisender geht, zeigt der Bau des Bildmuseet von Henning Larsen, das eine imposante Sammlung von Fotografien über das Leben in dieser abgelegenen Ecke der Welt zeigt.

Der siebenstöckige Bau mit seinen markanten Lamellen aus sibirischer Lärche, dessen Silhouette das Flussufer dominiert, wirkt wie ein Vorzeigeobjekt aus dem Ikea-Katalog und wurde 2014 bei der Verleihung der „European Museum of the Year-Awards“ mit einem Ehrenpreis bedacht.

Abgesehen von der architektonischen Eintönigkeit: Man muss sich nur auf die Partyboote verirren, auf die steinernen Treppen am Ume älv, wo die langen Sommernächte bei reichlich Bier schier endlos sind, um zu erkennen, wie jung und lebendig dieses urbane Zentrum am Bottnischen Meerbusen ist.

Das Kulturzentrum Väven beherbergt Kinos, die Bibliothek und sogar ein Hotel.

Der Grundstein dafür wurde 1965 mit der Gründung der Universität gelegt, die ein geradezu rauschhaftes Wachstum auslöste. Von den 134.000 Einwohnern Umeås ist jeder vierte Student. Bis zum Jahr 2050 soll die Bevölkerungszahl auf 200.000 steigen. Wie ein Magnet wirkt die einzigartige Kombination aus wilder Natur und moderner Kultur auf Menschen aus aller Welt, die – man mag es kaum glauben – das Durchschnittsalter auf 36 Jahre drücken.

Oper und jede Menge Museen

Umeå leistet sich den Luxus einer Oper mit festem Ensemble, wo die heimische Punkband „Refused“ 2025 ihr Abschiedskonzert gegeben hat. Es gibt unzählige Museen wie das Gitarrenmuseum mit den Schätzchen von Paul McCartney, Jimi Hendrix oder Bruce Springsteen. Im schneeweißen Kulturzentrum Väven oder dem Folkets Hus, das Haus des Volkes, stehen Theater und Konzerte auf dem Programm. Nicht zu vergessen die vielen Festivals zu Tanz, Film, Theater oder dem Jazz, die große Namen in den Norden locken.

Kultur ist der Identitätsstifter dieser Stadt, die so jung, frisch und unbekümmert ist wie viele ihrer Bewohner.  Die radeln selbst im tiefsten Winter bei zweistelligen Minusgraden durchs Zentrum. Der Anstoß dafür kam von der Stadtverwaltung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Umeå zur grünen Vorzeigestadt zu machen. Sie fördert nicht nur ökologisch gebaute Wohnhäuser. Sie lässt auch Fahrradwege und Straßen beheizen – was ziemlich aufwändig ist, weil bis zu acht Monate im Jahr Schnee liegt.

Moderne Architektur in Umeå

Lappland: Europas letzte Wildnis

Nur ein paar Kilometer entfernt von der Fußgängerzone Kungsgatan beginnt, was als „letzte Wildnis Europas“ gepriesen wird. Lappland, die arktische Region im Norden Europa, ist für den gemeinen Mitteleuropäer bis heute „terra inkognita“, unbekanntes Land, das trotz Google, Instagram oder Facebook ein weitgehend weißer Fleck auf der Landkarte geblieben ist.

Schwedisch-Lappland, das die Provinzen Norrbotten und Västerbotten umfasst, lässt sich zwar leicht in Zahlen fassen. Und doch sagen die wenig über diese einzigartige Welt aus weiten Naturlandschaften und authentischer Sami-Kultur aus. Die historische Provinz macht ein Viertel der schwedischen Landesfläche aus. Die Bevölkerungsdichte liegt bei unglaublichen zwei Einwohnern pro Quadratkilometer – im Vergleich zu 233 Einwohnern in Deutschland.

Schwedisch-Lappland ist fast menschenleer. Hier leben nur zwei Einwohner pro Quadratmeter. Foto: Wangkun/Fjällräven/imagebank.sweden.se

Vielleicht liegt es an dieser unfassbaren Menschenleere, dass ein Wilder Mann die  historische Landskapsflagga ziert. Oder ist das seltsame Wesen mit dem goldenen Knüppel auf der Schulter und dem grünen Kranz aus Birkenblättern auf dem Kopf eher ein Troll, der der Sage nach bei Sonnenlicht zur Stein wird ? Im Ort Storuman hat man dem Wildling an der E45 eine Holzstatue errichtet.

Lappland: ein Landstrich der Extreme

Lappland ist in vielerlei Hinsicht extrem: Im Winter extrem kalt, im Sommer extrem voll mit Mücken, abwechselnd extrem hell oder extrem dunkel. Es ist die spektakuläre Natur, die Reisende in Schwedens hohen Norden zieht, denn Attraktionen im touristischen Sinn sucht man hier vergebens. Doch dafür gibt es eine solche Überdosis Natur, dass man ihr auf ewig verfällt oder es einem vor so viel Einsamkeit graut.

Endlos zieht sich die Monochromie aus Fichten, Tannen, Birken und Kiefern dahin, nur unterbrochen von unzähligen stillen Seen und ungebändigten Flüssen, wo Lachs, Äsche und Hecht gefahrlos ihrer Wege ziehen. Im Sommer taucht die Mitternachtssonne die Szenerie in ein goldenes Licht, im Winter tänzeln feengleiche Nordlichter über das Firmament.

Tagelang kann man über die endlose Tundra mit ihren niedrigen Zwergsträuchern, den Gräsern, Moosen und Flechten wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Stattdessen macht der Naturenthusiast Bekanntschaft mit Elchen, Rentieren und Polarfüchsen, die kaum Fluchtreflex zeigen, weil die wenigen Zweibeiner Seltenheitswert besitzen.

Die Sami sind die wahren Herrscher Lapplands. Foto: Lola Akinmade Åkerström/imagebank.sweden.se

Lappland: auf den Spuren der Sami

Nicht nur die übermächtige Natur, auch die Geschichte und Kultur der Sami prägen den Landstrich. Seit Tausenden von Jahren ist dies die Heimat von Europas einzigem indigenen Volk. Noch immer fühlen sich zwei Drittel der 14.000 Schweden-Sami der alten, halbnomadischen Lebensweise verbunden und folgen ihren Rentierherden über baumlose Steppen.

Acht statt vier Jahreszeiten

Ihre unerschütterliche Naturverbundenheit zeigt sich nicht nur in den Namen für jedes Tal und jeden Berggipfel.

Die ausgewiesenen Naturburschen haben das Jahr zudem in acht, statt in vier Jahreszeiten eingeteilt. Jedes Wechselspiel der Natur, jede noch so kleine Veränderung fließt in den Kalender ein. Wenn eine dicke Schneeschicht das Erdreich schützt und die Rentiere nur mit Mühe Flechten finden, herrscht Dálvvie, tiefster Winter. Wenn die Sonne, die Wärme und der Regen den Menschen Beeren, Kräuter und Pilze schenkt, ist Tjakttjagiessie angebrochen, Spätsommer.

Der Herbst ist eine wunderbare Jahreszeit, um den Norden Schwedens zu bereisen. Foto: Per Lundstroem

Lappland: ein Paradies für Outdoorfans

Das ist die beste Jahreszeit, um Schwedens hohen Norden zu bereisen. Mit dem ersten Nachtfrost sind die blutgierigen Knotts, die fiesen kleinen Mücken, träge geworden. Die sonst so unverzichtbaren „Moskito-Killer“, die in jedem Hotel verkauft werden, bleiben im Schrank. Es ist die Zeit der berühmten Herbstfärbung, der kurzen Zeitspanne zwischen Sommer und Winter, die dem Indian Summer auf dem amerikanischen Kontinent nicht unähnlich ist.

Höstens färger lässt Beerensträucher und Heidekraut in tiefem Rot erstrahlen. Birken leuchten in einem goldenen Ton. Die Eberesche erstrahlt mehrfarbig. Die wohlschmeckenden Moltebeeren, die bei keinem Rentierbraten fehlen dürfen, haben ihr rotes Kleid gegen ein goldgelbes getauscht und sind begehrtes Objekt der unzähligen Sammler. Es riecht nach Laub, Kiefernadeln und dem harzigen Öl des Sumpfporst, der seine Verwandtschaft mit Rhododendren nicht verbergen kann.

Je nach Witterung hält das Naturspektakel bis zum Oktober an

erzählt Sven, der wegen seines Studiums nach Umeå gekommen ist und jede freie Minute draußen verbringt. Der Naturpark Bredforsen ist das perfekte Terrain für Wander- und Radtouren. Der Nydala-See ist ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen, die hier Entspannung suchen und die friedliche Atmosphäre genießen möchten. Während der Sommermonate bevölkern Kanufahrer und Stand-Up-Paddller das Gewässer. Im Winter hingegen bietet der gefrorene See Platz zum Schlittschuhlaufen und Eisangeln.

Warten auf den Winter: ein Eisbrecher im Hafen von Umeå

Gammelstad: Schwedens berühmtestes Kirchendorf

Dank Flughäfen, Straßen, Elektrizität und Internet ist das Leben im Norden Schwedens kaum weniger komfortabel als im Süden, auch wenn der Winter viele Monate dauert und die Temperaturen bis zu minus 30 Grad fallen können. In früheren Zeiten war das komplett anders. Wer auf sein Seelenheil bedacht war, musste tagelange Fußmärsche in Kauf nehmen, um an Gottesdiensten teilzunehmen – nicht nur zu den hohen kirchlichen Festtagen.

Aus diesem Grund entstanden überall in dünn besiedelten Regionen sogenannte Kirchendörfer, wo die Gläubigen übernachten konnten. Die einfachen Hütten, kyrkstugor genannt, boten nicht nur einen warmen Platz zum Schlafen. In den kleinen Dörfern traf man Freunde und Bekannte. Hier wurden Märkte und Gerichtsverhandlungen abgehalten. Hier zog man zur Brautwerbung aus, um den Partner fürs Leben zu finden.

Gammelstad ist die berühmteste Kirchenstadt Schwedens und zählt zum Weltkulturerbe.

Seit 1996 Weltkulturerbe

Das Schönste der insgesamt 71 Kirchendörfer liegt nur wenige Kilometer von Luleå entfernt, Schwedens nördlichstes Kleinod. Die ersten Häuser der historischen Gammelstad, 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben, wurden bereits Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet. Heute zählt das größte der 16 noch vorhandenen Kirchendörfer über 400 Bauten, alle in falunröd gestrichen, mit winzigen Zimmern und niedrigen Decken.

Wand an Wand lebte man mit dem Nachbarn, dem man gleichsam in die Milchschüssel schauen konnte. Die einzigen repräsentativen Bauten sind die mittelalterliche Steinkirche mit ihrem weiß-gelben Anstrich, wo sich heute noch Familien zu Taufen und Hochzeiten einfinden, sowie das zweigeschossige Kapitänshaus. Es wurde in ein Café umgewandelt, wo der Besitzer selbstgebackenen Heidelbeerkuchen mit reichlich Sahne serviert.

Leben ohne Ofen und Küche

Wer wissen will, wie beschwerlich das Leben in den Kirchendörfern war, lässt sich von der Führerin die Eingangstür zum Häuschen Nr. 253 am Framlänningsvägen aufschließen. Die gute Stube misst nur wenige Quadratmeter. Tische, Stühle sowie die Truhe zeugen von bescheidenem Wohlstand. Einen Ofen sucht man vergeblich, ebenso wenig gibt es eine Küche.

Wer die tagelange Reise zu der Kirchenstadt auf sich nahm – der Sprengel von Luleå umfasste zeitweise ein Gebiet von über 90.000 Quadratkilometern und war damit größer als ganz Bayern – brachte seine Mahlzeiten mit und aß sie kalt.

Spartanisch eingerichtet: eine der Hütten der Gammelstad

„Die Brandgefahr war viel zu groß“, erzählt die Führerin, während sich der Besucher fragt, wie mehrere Generationen in den bescheidenen Hütten mit ihren einfachen Schlafkojen Platz fanden.

Gammelstad: ein Refugium fürs Wochenende

Auf den ersten Blick wirkt die Gammelstad wie verlassen. Doch an schönen Sommertagen kehrt Leben in die kleine Siedlung ein. Radler rollen durch die schmalen Gassen mit dem Kopfsteinpflaster. Sonnenhungrige holen Liegen hervor und plaudern mit dem Nachbarn. Fast alle Katen befinden sich nämlich in Privatbesitz und dürfen tagsüber genutzt werden.

Ich komme jeden freien Tag heraus und genieße die Ruhe

erzählt Charlotte, die die übrige Zeit in Luleå lebt. Übernachten, gar dauerhaft wohnen darf die Schwedin in der Kirchenstadt nicht, doch an Wochenenden und an Feiertagen nutzt sie ihre Kate.

Woher der Name Gammelstad kommt

Den Namen Gammelstad erhielt das Kirchendorf übrigens erst im 17. Jahrhundert, weil Luleå, der Handelsplatz am Fluss Lule älv, nur wenige Jahrzehnte nach seiner Stadterhebung näher an die Küste umziehen musste. Die skandinavische Landhebung und der verlandete Hafen erzwangen eine Verlagerung um zehn Kilometer. So wurde das alte Luleå zur Gammelstad, die gemeinsam mit dem Freilichtmuseum Hägnan zu den größten Sehenswürdigkeiten im Norden Schwedens zählt.

So präsentiert sich der Norden Schwedens in den Wintermonaten. Foto: Frederik Larsson

Was du über die Reise in den Norden Schwedens wissen solltest….

Anreise: Umeå als auch Luleå besitzen einen eigenen Flughafen. Nonstop-Verbindungen aus Deutschland gibt es nicht. Die Anreise erfolgt meistens über Stockholm.

Wer die unendliche Weite im Norden Schwedens erkunden möchte, braucht ein Auto oder einen Camper. Beide Städte liegen direkt an der E4, die sich entlang der Ostküste vom Süden bis hoch hinauf in den Norden zieht.

Beste Reisezeit: Die beliebteste Reisezeit für Schwedisch Lappland ist von Februar bis März bei Temperaturen um minus 30 Grad Celsius. Von Juni bis August liegen die Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad – die optimale Reisezeit für sommerliche Outdoor-Aktivitäten.

Gammelstad: In der Besucherinformation gibt es eine Fotoaustellung zu dem historischen Kirchendorf . Von Juni bis August gibt es täglich Führungen. Häuschen Nr. 253 am „Framlänningsvägen“ ist nur während einer Führung geöffnet. Auch eine Besichtigung der Nederluleå-Kirche muss vorab im Besucherzentrum angemeldet werden. Das Freilichtmuseum Hägnan ist von Mitte Juni bis Mitte August täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Brauchst du mehr Anregungen für deine Reise nach Schweden? Dann schaue hier vorbei.

Roswitha:
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