Der Oberländer Kanal ist eine der größten Sehenswürdigkeiten im Hinterland von Danzig. Was einst für den Transport für Waren erbaut wurde, ist heute ein Riesenspaß für Touristen: Denn die Boote rollen auf Loren über Hügel.
Wie ein junges Reh hüpft Marzena vom Ausflugsschiff „Pingwin“ herunter und schlägt das eiserne Hämmerchen gegen den kreisrunden Gong. Das akustische Signal hallt weit über das Bauernland der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren und ist Auftakt eines ziemlich einmaligen Spektakels.
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Highlight für Schifffans: der Oberländer Kanal
Denn der Kanal Elblaski, der Oberländer Kanal, 1860 offiziell eingeweiht und ein Zeugnis deutscher Ingenieurskunst, ist eine Art Standseilbahn für Ausflugsschiffe, Hausboote und Privatjachten. Wie von Zauberhand schießt der Nachschub für die riesigen Wasserräder durch die Rinne seitlich des Kanals. Die dicken Stahlseile vibrieren, die altertümliche Eisenbahnlore samt huckepack verladenem Schiff setzt sich langsam in Bewegung.
Auf der „Pingwin“ herrscht buchstäblich Volksfestatmosphäre. Niemanden hält es auf den Plätzen. Jeden drängt es zum Bug des Schiffes. Handys werden über den Köpfen geschwenkt. Teure Camcorder summen bienenfleißig.

Meter für Meter kämpft sich die Lore samt Schiff den grünen Hügel bei Oleśnica hinauf und überwindet dabei fast 25 Meter: Mehr hat kein anderer der fünf Rollberge des Oberländer Kanals zu bieten. Die „Kletterei“ geht so gemütlich vonstatten, dass man bequem den Hang hinaufstiefeln könnte, um Lore, Schiff und die eigentümliche Schönheit des Oberlandes aufs Foto zu bannen. Doch einen Ausstieg haben Kapitän Tadeusz und seine Crew nicht eingeplant.
Die Schiffstour beginnt in Elblag
Die Reise durch das voll funktionstüchtige Freilichtmuseum beginnt in Elblag, der alten Hansestadt nahe der Osteeküste. Sie war lange ein Bestandteil des Deutschordensstaates, bevor Polen, Schweden, Preußen, Russen, selbst Napoleon die Herrschaft innehatten.
Ein Handelszentrum war die durch Backsteingotik geprägte Stadt schon immer. Nur der Weg ins Oberland Richtung Ostróda, wo es reiche Holzvorräte gab, war ziemlich beschwerlich. Denn der Schiffstransport über Drewenz, Weichsel, Nogat und den Kraffohlkanal dauerte geschlagene sechs bis acht Monate und war deshalb unrentabel.
Georg Steenke: Vater des Oberländer Kanals
Doch es gab die Eylauer Seenplatte und den mit Schilf gesäumten, verhältnismäßig flachen Jezioro Druzno, den Drausensee, der heute ein Rückzugsgebiet für Abertausende Wasservögel ist. Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es Pläne, die Gewässer durch einen Kanal miteinander zu verbinden; doch erst der königlich preußische Baurat Georg Steenke brachte das Projekt ins Laufen.
Der gebürtige Königsberger war der richtige Mann für schwierige Aufgaben. Denn er hatte sich mit dem Bau des Seckenburger Kanals in der Memelebene erste Meriten erworben. Er schreckte auch vor der Aufgabe in der zerklüfteten Endmoränenlandschaft des Oberlandes nicht zurück.
Denn eines war klar: Mit einem herkömmlichen Schiffshebewerk waren die 100 Höhenmeter zwischen Elblag und der Eylauer Seenplatte nicht zu bewältigen. Und eine Schleusenlösung – etwa 30 wären nötig gewesen – kam aus Kostengründen nicht in Frage.


Fünf Rollberge für 100 Höhenmeter
Auf die Idee, die Schiffe auf Schienen über Land zu ziehen, kam der Wasserbauingenieur während eines USA-Besuches: Am Morriskanal in New Jersey wurde die Höhendifferenz von knapp 300 Metern durch 23 „geneigte Ebenen“ überwunden.
Am 82 Kilometer langen Abschnitt zwischen Elblag und Ostróda reichten fünf Rollberge. Teuer war das heute unter Denkmalschutz stehende Wunderwerk der Technik dennoch: Die Kosten entsprachen damals dem Wert von 77 Tonnen reinen Goldes, erfahren Wissbegierige in dem kleinen Museum am Rollberg von Buczyniec.

Eisenbahn löste den Oberländer Kanal ab
Die Wasserstraße zwischen den westmasurischen Seen und dem Frischen Haff puschte den Warenverkehr von Feldfrüchten, Holz und Industriewaren gewaltig. Täglich passierten – so die Notizen in Steenkes Tagebuch – zwölf bis zwanzig Schiffe den Kanal; in Spitzenzeiten waren es fast sechzig.
Doch kaum war der letzte Rollberg in Buczyniec, dem damaligen Buchwalde fertig, tauchten am Horizont die ersten Eisenbahnen auf – eine Konkurrenz, die den Oberländer Kanal schnell alt aussehen ließ. Während der Güterverkehr nach und nach auf die Dampfrösser auswich, nahm die Zahl der Ausflugsboote kontinuierlich zu.

Ausflugsboote erobern den Oberländer Kanal
Platzhirsch war die „Seerose“ des aus Osterode stammenden Reeders Adolf Tetzlaff. Er führte einen festen Fahrplan ein für Erlebnisfahrten und koordinierte Schiffs- und Zugfahrten, um An-und Abreise möglichst bequem zu halten.
Das Verladen der Schiffe auf Loren und ihr Transport auf Schienen die Hügel hinauf, übte eine solche Anziehungskraft auf Städter aus, dass entlang der Strecke zahlreiche Gasthäuser entstanden. Zeitgleich wurden organisierte Reisen in die Umgebung angeboten.
Ende 1944 war Tetzlaffs Zeit vorüber: Seine Schiffe wurden absichtlich versenkt; er selbst musste fliehen. An den 1952 verstorbenen Gründer der Passagierschifffahrt auf dem Oberländer Kanal erinnert sein Grab auf dem Friedhof in Osterode.

Technisches Denkmal als Touristenmagnet
Etliche Jahre lag die „weiße Flotte“ der Schifffahrtsgesellschaft Osterode-Elbing auf dem Trockenen. Die technischen Komponenten wie Schienen, Seilzüge, Wasserräder oder Winden mussten mit viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Handarbeit erneuert werden.
Einige Abschnitte des Kanals wurden zudem von Schlick und Sand gereinigt und vertieft. Schleusenwände wurden verstärkt. Elektrische Antriebe für die Tore und neue Sicherheitsanlagen installiert.
Beliebtes Revier für Hobbykapitäne
Auch Hinweistafeln wurden im Zuge der Arbeiten erneuert, denn der Oberländer Kanal ist ein beliebtes Revier für Hobbykapitäne, aber auch für Kajakfahrer. Am Rollberg von Buczyniec entstand zudem ein kleines Museum zur Kanalgeschichte. Mehr als 27 Millionen Euro hat die Ertüchtigung des Industriedenkmals gekostet. Es ist eine der größten Sehenswürdigkeiten der Woiwodschaft.

Der Drauensee: wertvolles Biotop bei Elblag
Acht Schiffe hat die Reederei Zegluga Ostrodzko-Elblaska im Einsatz. Das jüngste Flottenmitglied ist die „Ostroda“. Zunächst ist alles wie gehabt, wenn der Passagier in Elblag an Bord klettert und auf dem Namensgeber der Stadt flussaufwärts zum Druzno tuckert.
Bis ins 18. Jahrhundert konnten seegängige Schiffe den Drausensee befahren. Heute gilt das flache Gewässer als eines der wertvollsten Natur- und Vogelschutzgebiete der Region. Ein Meer aus Seerosen bedeckt das blaue Augen. Rohrweihen und Seeschwalben nisten im Schilf. Seeadler kreisen in der Luft. Der Fahrweg ist kaum zu erkennen.

Das Oberland: weniger bekannt als Masuren
In gemütlichem Tempo tuckert das Ausflugsboot durch eine Landschaft aus Wäldern und Seen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein Teil Ostpreußens war. Am Horizont tauchen bereits die ersten Hügel des Oberlandes auf, das im Vergleich zu Masuren ein touristischer Geheimtipp ist.
Dabei ist die Gegend von einer eigentümlichen Schönheit. Eichen und Ulmen, Kiefern und Fichten säumen das Ufer. Kirchtürme in Backsteingotik grüßen aus der Ferne. Verschlafene Orte liegen eingebettet in wogende Felder. Darüber spannt sich ein weiter Himmel, der den Störchen gehört. Eine stille Landschaft mit intakter Natur, wie geschaffen für sanften Tourismus.
Bei Caluny endet die fröhliche Bootstour abrupt. Der erste Rollberg von insgesamt fünf liegt vor der „Pingwin“. Durch die enge Einfahrt manövriert Kapitän Tadeusz sein Boot auf die fast vollständig abgetauchte Lore: Nur die Handläufe und die Holzstege sind zu sehen.

Das System der “Schwimmdocks auf Rädern”
Die rund 20 Meter langen „Schwimmdocks auf Rädern“ können bis zu 26,9 Meter lange und 2,8 Meter breite Boote transportieren und werden nur mittels Wasserkraft an Seilen nach oben gezogen. Das von Steenke entwickelte System ist so effizient, dass es kaum zusätzliche Energie benötigt.
Denn es gibt zwei Rollwägen, die gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen fahren: Der nach unten rollende Wagen zieht den zweiten durch sein Gewicht nach oben.
Impressionen von der Fahrt auf dem Oberländer Kanal
Fahrt über Rollberge dauert mehrere Stunden
Nach gefühlt einer Viertelstunde hat die „Pingwin“ die ersten 13 Höhenmeter geschafft. Weitere 86,5 Höhenmeter werden in den nächsten Stunden folgen. Am Rande des Kanals verfolgen Neugierige das Geschehen, das von den Maschinenhäusern aus gesteuert wird.
Die 150 Jahre alten Zahnräder schnurren geschmeidig wie am ersten Tag. Gut geschmiert greifen die Zähne ineinander, wenn der Maschinist die Ventile für den Wasserzufluss des Mühlrads öffnet, das für den Antrieb der Stahlseile gebraucht wird. Alle 50 Jahre müssen sie gewechselt werden.
Bei Buczyniec endet die viereinhalbstündige Fahrt mit der „Schiffseisenbahn“. In dem kleinen Museum sind noch die alten Holzmodelle für den Guss der Zahnräder zu besichtigen. Im benachbarten Biergarten kann man sich mit typisch polnischen Piroggen für die Rückreise nach Elblag stärken. Die dauert keine 30 Minuten mit dem Bus, falls man nicht mit dem Schiff zurückfahren möchte. Denn was hochgezogen wird, muss auch wieder runter.
Ausflugstouren auf dem Oberländer Kanal: Die Reederei Ostróda-Elblag bietet in den Sommermonaten unterschiedliche Touren auf dem Oberländer Kanal an. Die Tour von Elblag nach Buczyniec mit allen fünf Rollbergen ist die längste und dauert knapp fünf Stunden. Das Ticket kostet rund 45 Euro. Die Rückfahrt erfolgt mit dem Bus. Die Schiffe nehmen auch Fahrräder mit.









