Bruder auf Achse

Liguriens schönste Küste: die Cinque Terre

Die Cinque Terre an der Ligurischen Küste

Morgens ist die Welt in Portovenere noch in Ordnung. Die bunt bemalten, schmalen Häuser der ligurischen Schönheit, die zu Füßen des mit Olivenbäumen und Kiefern bedeckten Muzzarone liegt, dösen in der Sonne. Keine Menschenseele streift durch den Wachturm der alten Zitadelle, der wie ein Riese den mit Türmen und Bastionen befestigten Mauerring eng umschlungen hält. Und durch die schmalen Gassen schleichen nur ein paar verwilderte Katzen. Selbst der Ticketverkäufer für Bootstouren zur Cinque Terre dreht Däumchen.

Portovenere in Ligurien
Portovenere zählt zwar nicht mehr zur Cinque Terre, ist aber nicht weniger schön.

Spätestens in einer Stunde ist es mit dieser köstlichen Ruhe im Hafen der Venus vorbei. Zu Hunderten werden sie in dieser von Wild und Wellen gepeitschten italienischen Bilderbuchstadt einfallen, die mit ihren eckigen, ungeordneten Häuserzeilen wie das bunte Werk eines exzentrischen Künstlers wirkt: die italienischen Großfamilien, die der Enge der Städte entfliehen wollen, die Busladungen mit deutschen Senioren, dazwischen Wanderer mit Rucksack und Stöcken, die den Wegen zwischen Weinreben und Wallfahrtskirchen entgegen streben, nicht zuletzt die Heerscharen von den Kreuzfahrtriesen, für die diese Traumkulisse am wildesten und unzugänglichsten Teil der ligurischen Riviera zum Italien-Pflichtprogramm gehört. Ein Geheimtipp ist die Cinque Terre – unzweifelhaft einer der schönsten Küstenabschnitte im Land, wo die Zitronen blühen – schon lange nicht mehr. Dafür haben zu viele Fernsehdokumentationen ihren Ruf in die Welt hinausgetragen, haben zu viele Reiseführer von ihrer spektakulären Schönheit geschwärmt.

Impressionen aus Portovenere
Impressionen aus Portovenere

Vor allem im Hochsommer ist es fast unerträglich voll in den fünf verzauberten Orten, in den zwischen hohen Häusermauern eingepferchten Gassen und auf dem Küstenwanderweg – dem womöglich einzigen Italiens, für dessen Nutzung eine Gebühr erhoben wird. US-Amerikaner mit kurzen Hosen und Hawaiihemd strömen in Scharen zum Küstenpfad Via dell´Amore, wo sich einst die Romeos und Julias aus Riomaggiore und Manarola heimlich trafen – um nach einem kurzen Stück Weges vor verschlossenem Tor zu stehen. Seit ein tonnenschwerer Felsblock im September 2012 den Liebespfad traf und zwei australische Touristinnen schwer verletzt wurden, ist der beliebte Spazierweg zwischen Himmel und Meer gesperrt. Und nur die Götter wissen, wann Italiens Bürokratie die Mittel für die Reparatur aufgetrieben haben.

Tor zur Via dell´Amore in der Cinque Terre
Die Via dell´Amore ist seit einem Felssturz gesperrt.

Dass sich der einstige Geheimtipp zum Lieblingsziel der Massen gewandelt hat, verwundert nicht wirklich. Kein zweites Stück italienische Küste ist so dramatisch schön, so wild und romantisch zugleich wie die Cinque Terre. Ihren Namen verdankt sie den fünf kleinen Orten Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso – Portovenere gehört offiziell nicht dazu, aber das alte Fischer- und Seemannsdorf an der äußersten Spitze des Golfes von La Spezia muss sich keineswegs hinter seinen fünf Nachbarn verstecken. 1997 wurde der nur 39 Quadratkilometer große Nationalpark zum UNESCO-Weltkulturerbe geadelt. Auf den Betrachter wirkt er wie ein längst verloren geglaubtes Stück Italien. Die verwinkelten alten Dörfer, die gewundenen Maultierpfade und die von menschlicher Mühsal kündenden Terrassen – all das erscheint wie ein Fremdkörper in der modernen Welt,. Die Cinque Terre gleicht einem schönen Gemälde der Romantiker, ist wie das schwärmerische Gedicht eines Lord Byron, der gern und oft in der Bucht von Portovenere schwimmen ging und entscheidend zum Ruhm des „Golfs der Poeten“ in der englischsprachigen Welt beitrug. Doch heil waren die von der Landseite so schwer zugänglichen Kleinode an der Riviera di Levante zwischen Genua und La Spezia nie.

Riomaggiore in der Cinque Terre, Ligurien
Riomaggiore ist einer der größeren Orte der Cinque Terre.

Eingekeilt zwischen Fels und Meer zeugen die fünf Ortschaften vom unerschütterlichen Überlebenswillen ihrer Bewohner. Wie ein Bollwerk riegeln die mehrere Hundert Meter hohen Ausläufer des Apennin und der Seealpen den schmalen Küstenstreifen vom Rest Italiens ab. Wer hier lebte, an dem gerade einmal 15 Kilometer langen Abschnitt, war von der Welt abgeschnitten; er war bettelarm im Vergleich zu den Menschen in der reichen Hafenstadt Genua, eher dem Oliven- und Weinbau zugetan als der Fischerei und entsprechend eigenbrötlerisch. Nach Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore ging es Jahrhunderte lang nur zu Fuß oder übers Meer, von dem stets Unheil drohte. Wieder und wieder suchten Sarazenen und Piraten diesen einsamen Küstenabschnitt heim: Sie hatten es auf den wertvollsten Schatz der „fünf Länder“ abgesehen- auf Frauen und Kinder, die sie als Sklaven in der Fremde verkauften.

Riomaggiore in der Cinque Terre, Ligurien.
Schmale Gassen und steile Treppen kennzeichnen Riomaggiore.

Mögen die bunten Fassaden Riomaggiores, Vernazzas und Manarolas auf den Betrachter auch wie romantische Bühnenbilder wirken: Die tollkühn ineinandergeschachtelten Häuser, die sich Halt suchend an jedes Stück Fels klammern, sind steinerne Festungswälle. Nur Vernazza und Monterosso, wo früher Jagd auf den Thunfisch gemacht wurde, sind mit einem natürlichen Hafen gesegnet. In den drei anderen Orten parken die Freizeitboote auf der Piazza und müssen umständlich zu Wasser gelassen werden. Corniglia, das von vielen Besuchern als der authentischste Marktflecken bezeichnet wird, thront gleich auf einer Klippe über dem Meer- was zur Folge hat, dass es von den ganz großen Touristenscharen glücklicherweise verschont wird. Die wenigsten Tagesausflügler haben Lust auf schweißtreibende Wanderungen.

Vernazza in der Cinque Terre, Ligurien
Vernazza ist der Ort der Cinque Terre, der die Charakteristik am besten bewahrt hat.

Sie verpassen einiges: die Berge, die sich wie Scherenschnitte im Halbkreis aufreihen, die steilen Hänge mit der so typischen mediterranen Maccia, den Duft von wildem Thymian und Rosmarin, die windzerzausten Wacholderstauden, die Weinterrassen und Olivenhaine. Fischerdörfer waren die Cinque Terre-Orte nie. Die Einwohner waren überwiegend Weinbauern, die über Generationen hinweg diese einzigartige, mittlerweile unter Schutz gestellte Kulturlandschaft geschaffen haben. Für Getreide, Obst oder Gemüse war ihnen die Erde zu wertvoll. Stattdessen wurden Rebsorten gezüchtet, die dem kalten salzigen Südwestwind trotzten. Albarola-, Vermentino- und Bosco-Trauben wachsen hier, und aus den schönsten Trauben kelterten die Weinbauern den Sciacchetrà, einen Süßwein, der zu Familienfesten getrunken wurde. Noch die entlegensten Winkel versuchten die Weinbauern urbar zu machen. Die Rebhänge sind zum Teil so steil, dass sich die Winzer zur mühsamen Weinlese abseilen mussten – bis schließlich der Trenino erfunden wurde. Die Zahnradbahn auf Stelzen, die die vollen Weinkörbe zu einer der schmalen Straßen bringt, macht zumindest die waghalsigste Kletterei im Gelände überflüssig.

Manarola in den Cinque Terre, Ligurien
Das zauberhafte Manarola klammert sich an einen 70 Meter hohen Felsen.

Schon der große Francesco Petrarca rühmte im 14. Jahrhundert die Cinque Terre und ihren vorzüglichen Rebensaft. Und auch Literaturnobelpreisträger Eugenio Montale, der in den Ferien regelmäßig nach Monterosso kam, schwärmte von dem Wein, noch mehr aber von den Menschen, die sich mutig den Widernissen des Lebens stellten.

„Eine felsige, strenge Landschaft … Zuflucht für Fischer und Bauern, die sich an ein Fleckchen Strand klammern, bloßgelegter und feierlicher Rahmen für eine der ursprünglichsten Gegenden in ganz Italien …“

So beschrieb Montale dieses einmalige Naturkunstwerk, das die Menschen unter unvorstellbaren Mühen in vielen Jahrhunderten geschaffen haben: eine Terrassenlandschaft, gesichert durch Tausende Kilometer Trockenmauern. Wie lang diese Stein für Stein aufgetürmten Stützmauern, die Muretti, nun wirklich sind, ob 6700, 8000 oder gar 11 000 Kilometer, weiß wahrscheinlich niemand. Dass dieses Kunstwerk aber akut bedroht ist, steht fest.

Corniglia in der Cinque Terre, Ligurien
Corniglia gilt als unzugänglichstes Dorf der Cinque Terre.

Noch gibt es sie die großen Wandgemälde am Bahnhof von Riomaggiore, die den wahren Helden der Cinque Terre huldigen: den Trockenmauer-Erbauern. In Wirklichkeit ist ihr Werk von Verfall bedroht. Die Muretti, die ständig ausgebessert und erneuert werden müssten, verfallen, die Terrassen, die sich einst bis zum Meer hinab zogen, liegen verlassen da. Die Plackerei will niemand mehr auf sich nehmen. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde die Hälfte der Rebflächen aufgegeben. Wo einst Wein und Oliven wuchsen, machen sich Ginster und Wacholder breit, erobert die Macchia Terrain zurück. Mit weitreichenden Folgen für das geologische Gleichgewicht. Denn die Hänge, einst mühsam befestigt, geraten ins Rutschen. Ein anschauliches – und trauriges – Beispiel für diese Entwicklung: die Via dell’amore, die durch Schlammlawinen und Felssturz verwüstet wurde.

Monterosso in der Cinque Terre, Ligurien
Monterosso ist der größte Ort der Cinque Terre und entsprechend touristisch.

Immerhin gibt es ein ausgeklügeltes Programm zur Rettung der wichtigen Trockenmauern. Alte Männer geben ihr Mauer-Wissen an junge Leute weiter, Fremde übernehmen Patenschaften für vernachlässigtes Terrain. Die Nationalpark-Gebühren dienen ebenfalls der Rettung und Wiederherstellung der Trockenmauern. Nicht zuletzt soll die Wiederbelebung des Weinbaus, der früher vornehmlich Frauensache war, die einzigartige Kulturlandschaft retten. Reich werden können die Weinpioniere nicht, aber der Rebensaft ist von hoher Qualität, mineralisch und langlebig, ein rares Nischenprodukt. Die jungen Winzer der Cinque Terre haben die Terrassen wiederentdeckt, ein mühevolles und teures Unterfangen.

Burg von Vernazza, Cinque Terre, Ligurien
Vernazza wird von einer Burg auf einem hohen Felsen dominiert.

Anreise

Die fünf malerischen Dörfer liegen abseits der großen Verkehrsadern. Man kann zwar alle fünf Orte mit dem Auto ansteuern. Aber viel Sinn macht das nicht, denn es geht über schmale, sich endlos windende Stichstraßen, und Parkplätze gibt es nur am Ortsrand. In Vernazza und Corniglia herrscht zudem Fahrverbot. Am bequemsten ist noch Monterosso per Auto zu erreichen.

Sehr viel einfacher ist die Anreise mit dem Zug, da jeder Ort einen Bahnhof besitzt. Der Treno Regionale von La Spezia Richtung Genua hält so ziemlich jede Stunde in allen fünf Dörfern. Am besten kauft man sich die Cinque Terre Card: Sie ermöglicht die Nutzung der Wanderwege in dem Nationalpark und der Züge auf der Linie Levanto- Cinque Terre – La Spezia. Die Cinque Terre Card kann für einen oder zwei Tage erworben werden. In der Hauptsaison kostet die kombinierte Zug- und Wanderkarte 16 Euro für einen Tag, die Zwei-Tages-Karte kostet 29 Euro.

Blick auf Riomaggiore, Ligurien
Schon Goethe rühmte das Land, wo die Zitronen blühen.

Wandern

Es gibt zahlreiche Wanderwege zwischen den fünf Dörfern. Eine der schönsten, aber auch anstrengendsten ist die zwölf Kilometer lange Route zwischen Riomaggiore und Portovenere über die Wallfahrtskirche der Madonna von Monte Nero. Weil der Sentiero Azzurro aber eine der beliebtesten Wanderrouten Italiens ist, ist der Weg durchs Paradies reichlich überlaufen. Eine herrliche Alternative ist der ligurische Höhenweg. Der Aufstieg geht über steile Treppen. Aber hat man erst einmal 600 bis 800 Höhenmeter erreicht, wird das schweißtreibende Unterfangen durch unglaubliche Ausblicke belohnt.

Der vielleicht berühmteste Wanderweg, die Via dell‘ Amore zwischen Riomaggiore und Manarola, wurde buchstäblich in den Felsen gehauen. Allerdings ist der Liebespfad seit geraumer Zeit wegen eines Felssturzes gesperrt. Angeblich soll er ab April 2019 wieder offen sein. Eine gute Übersicht über die Wanderweg der Cinque Terre gibt es hier.

Bootstour in der Cinque Terre
Am besten lassen sich die Orte der Cinque Terre per Boot entdecken.

Bootstouren

Das Consorzio Marittimo Turistico Cinque Terre verfügt über 15 Boote unterschiedlicher Größe, mit denen es den Linienverkehr von La Spezia und Portovenere zu den einzelnen Orten der Cinque Terre betreibt. Mit dem Tagesticket kann man die Fahrt in allen fünf Orten unterbrechen und später wieder zusteigen. Beim etwas preiswerten Nachmittagsticket muss man sich dagegen mit drei Häfen begnügen. Von Portovenere werden zudem Fahrten zu den vorgelagerten Inseln Palmaria, Tino und Tinetto sowie der Byron-Grotte angeboten.

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