Oulo, fünftgrößte Stadt Finnlands, ist die nördlichste Großstadt der Europäischen Union. 2026 ist die am Bottnischen Meerbusen gelegene Siedlung Kulturhauptstadt Europas. Wofür die durch König Karl IX. gegründete Stadt bekannt ist? Einen schreienden Männerchor, die Luftgitarren-Weltmeisterschaft und ganz viel Innovation und Kreativität.
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Oulo: heiß auf Eis
Der Versuch, drei Kugeln Eis zu ordern, ist zum Scheitern verurteilt. Was nicht an dem weizenblonden Geschöpf mit den kornblumenblauen Augen liegt. Die blutjunge Verkäuferin kann schließlich besser englisch als mancher Teutone, doch man will schließlich höflich sein und sein Gegenüber mit einigen Worten in der Landessprache überraschen.
Der Blick auf das Schild mit den Eissorten macht dem Willigen aber schnell klar: Daraus wird wohl nichts angesichts der Wortungetüme und der geradezu inflationären Verwendung der Buchstaben I, Ä und U.

Die Sorte Vanilja geht dem Schleckermaul ja noch richtig flott über die Lippen. Die Kreationen Suolainen Kinuski oder Tuplasuklaa Kaura entpuppen sich dagegen als echte Zungenbrecher.
Geklappt hat es dennoch mit der doppelten Kalorienbombe auf dem Marktplatz der finnischen Stadt Oulo, die sich in diesem Jahr stolz Kulturhauptstadt Europas nennen darf – dank Zeichensprache mit Händen und Füßen und der tatkräftigen Mithilfe der jungen Verkäuferin, die sich vom Buchstabensalat ihrer Kundin nicht verwirren lässt. Finnisch ist halt nichts für Weicheier.

Oulo: nördlichste Großstadt der Europäischen Union
Das Eis ist heiß, finden sie hier in der 200 000 Einwohner zählenden nördlichsten Großstadt der Europäischen Union. Hier, am Bottnischen Meerbusen, dem nördlichen Ausläufer der Ostsee, ist Eisschlotzen fast so selbstverständlich wie der alltägliche Saunagang.
An dem Verkaufsstand unweit des Theaters, eines wuchtigen Betonquaders, gibt es geschätzt 30 verschiedene Sorten – vom gewöhnungsbedürftigen Himbeer Lakritz bis zum gesalzenen Mandelkrokant. Die Kugeln in Monsterformat gehen weg wie warme Semmeln und keineswegs nur an schier endlos langen Sommertagen, an denen das Thermometer an der 30-Grad-Marke kratzt.
Die Finnen lieben Eis, selbst im tiefsten Winter
erzählt die Verkäuferin, während sie die Kalorienbomben auf frisch gebackenen Waffeln platziert, nach Wunsch des Kunden mit Orangen- oder Mandelgeschmack. Die häufigen Schleckorgien erklären auch, weshalb es jeder Finne auf stolze 14 Liter pro Jahr bringt. Der gemeine Deutsche schafft dagegen nur läppische acht Liter pro Kopf.

Oulo: ein schwedischer König als Geburtshelfer
Als Schwedens König Karl IX. 1605 die Stadt an der Mündung des Oulujoki gründete, ging es ihm um ein Bollwerk gegenüber dem russischen Zaren. Zudem brauchte er ein Handelszentrum, das Wohlstand in die abgelegene Ecke seines Reiches bringen sollte.
Im 18. Jahrhundert stieg die kleine Siedlung zu einer der wichtigsten Handelsstädte im Norden auf, denn zum Schiffbau brauchte man Holz und Teer aus dem Harz von verbranntem Kiefernholz. Und mit beiden Materialien konnte der Norden Finnlands überreichlich dienen. Fässer voll schwarzem Gold segelten Richtung England, wo der Teer als Schutz für Kriegs- und Handelsschiffe gebraucht wurde. Viele der schönen hölzernen Villen auf der Insel Hietasaari, dem Sommersitz wohlhabender Händler, stammen aus dieser Epoche.

Heute brennen die Holzhaufen nur noch zu Schauzwecken und die alten Produktionsstätten erzählen dank QR-Code von ihrer Geschichte. Die Stadt der Seefahrer und Teerarbeiter hat sich zu einer High-Tech-Metropole gemausert, die selbst den Niedergang von Nokias Handysparte verschmerzt hat.
Oulo: Heimat vieler Start-ups
Oulo gilt als “Boomtown des Nordens”, als “Finnisches Silicon Valley”, wo Start-ups an der Zukunft basteln. Allein in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten wuchs die Einwohnerzahl um etwa 60 Prozent auf über 200 000, auch dank der Universität, die einen exzellenten Ruf genießt und die Kulturhauptstadt von 2026 zu einer der jüngsten Städte Europas macht.
Der Reiz der mehrfach abgebrannten und stets wieder aufgebauten Stadt erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Die falunroten Holzhäuser, die einst das schachbrettartig angelegte Straßennetz rund um die Torikatu prägten, fielen dem Bauwahn der Nachkriegszeit zum Opfer.
Stattdessen verpasste man der Stadt ein nüchternes Kleid aus schmucklosen Bauten, deren einziger Zweck das Dach über dem Kopf ist. Zwischen all der architektonischen Tristesse gibt es nur wenig Charmantes zu entdecken wie beispielsweise die Domkirche im neoklassizistischen Stil. Sie stammt von Carl Ludvig Engel, der mit seinen Bauten auch Helsinki prägte.

Ebenfalls schön anzusehen: das Kulturzentrum Valve direkt neben dem Rathaus, ein rosa getünchter und mit Stuck verzierter Bau im Zuckerbäckerstil, oder die Markthalle im neugotischen Stil, wo einem die vielen Variationen von Lachs, Rentier- oder Elchschinken das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.
Fast scheint es, als ließen sich die baulichen Sünden nur mit einer ordentlichen Portion Humor ertragen: Für einige der drei Dutzend Bronzefigürchen, die sich auf einer Mauer nahe des Rathauses herumlümmeln, haben findige Finnen wärmende Schals und Mützen gestrickt.

Und bei der ikonischen Toripollissi-Statue am Hafen hat der Künstler Kaarlo Mikkonen ausgiebig zu Bronze gegriffen. Das 2.30 Meter große Wahrzeichen soll einen Schutzpolizisten verkörpern, ein ziemlich beleibtes Exemplar. Kuriosum am Rande: In Oulus Partnerstadt Leverkusen wurde der „Toripollisi“zum Ampelmännchen befördert und darf dort den Fußgängerverkehr regeln.
Oulo: gelegen inmitten der Natur
Oulos größter Schatz? Finnlands großartige Natur beginnt gleichsam vor der Haustür. Mitten im geschäftigen, aber nie trubeligen Zentrum rauscht der Oulujoki durch sein steiniges Bett und wer über eine der zahlreichen Fußgänger- und Radfahrerbrücken zur nächsten Mini-Insel spaziert, findet all das vor, was einem bei dem skandinavischen Land in den Sinn kommt: einsame Wälder, glasklare Seen sowie ein azurblaues Meer, gesprenkelt mit weißen Booten.

Auf Pikisaari, der Pechinsel, erinnert nichts mehr an die industrielle Vergangenheit. Stattdessen beherbergen die malerischen alten Holzhäuser Galerien, Cafés sowie das Seemannsheimmuseum.
Einen Steinwurf weiter landet man auf der Insel Hietasaari, ein wahres Paradies mit perlweißem Sand, einem Leuchtturm und gediegenen Ferienunterkünften. Während sich Kinder und Jugendliche am Strand austoben, mit dem Skateboard über die Promenade düsen oder durch riesige Kletternetze kraxeln, kippen die Erwachsenen das ein oder andere Bier und genießen die spektakulären Sonnenuntergänge.
Ins Wasser der „Riviera des Nordens“ trauen sich allerdings nur abgehärtete Naturen, denn wärmer als 17 Grad wird es selten. Ein Auto braucht man für all diese Erkundungen kaum, denn Oulu hat das zu bieten, woran andere europäische Städte noch tüfteln: ein perfektes Radwegenetz von rund 900 Kilometer Länge, das die Pedalritter sicher überall hinbringt, und das selbst im tiefsten Winter.
Wir sind nur glücklich, wenn wir unglücklich sind
sagt Mauri Antero Numminen, besser bekannt als M.A. Numminen über seine Landsleute. So recht will die Meinung des Gottvaters des finnischen Klamauks, des Tango-Experten mit der unnachahmbaren Kieks-Stimme nicht zum alljährlichen Happiness-Report passen, der den Finnen mit schöner Regelmäßigkeit bescheinigt, das glücklichste Volk auf Gottes schöner Erde zu sein.
Oulo: Lust auf skurrile Wettbewerbe
Glücklich sind die Nordlichter bei jeder sich bietenden skurrilen Gelegenheit – wie beispielsweise der Matschfußball-Weltmeisterschaft oder dem berüchtigten Frauentragen. Oulu macht da keine Ausnahme.

Der Chor der schreienden Männer, die ordentlich gekleidet, aber mit hochrotem Kopf ihr Innerstes nach außen kehren, sind längst nicht mehr nur ein fester Bestandteil der lokalen Kulturszene; die Herrschaften, bei denen es sich laut Chorleiter Petri Sirviö um eher ruhige, introvertierte Jungs handle, sind schon in der Hamburger Elbphilharmonie aufgetreten.
Im August Luftgitarren-WM
Noch mehr Popularität verdankt die finnische Stadt jenem Festival, das im August Abertausende in den hohen Norden lockt: die Luftgitarren-WM, bei der die Teilnehmer 60 Sekunden lang ein imaginäres Instrument bearbeiten. Im vergangenen Jahr blieb der Sieg im eigenen Land: Aapo „The Angus“ Rautio beendete eine über 20 Jahre währende Durststrecke. Und natürlich steht das ganze Land Kopf, wenn sich Ende August wieder ein Finne die Siegerkrone holt.
Was man über Oulo wissen muss…
Oulo an der Westküste Finnlands liegt rund 600 Kilometer von der Hauptstadt Helsinki entfernt. Die Bahnfahrt zwischen beiden Orten dauert knapp sechs Stunden. Es gibt sogar einen Nachtzug.
Wer mit dem Flieger nach Oulo möchte, muss meist in Helsinki zwischenlanden. Tickets beispielsweise mit Finnair gibt es ab 120 Euro pro Strecke. Der Flughafen liegt 15 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums im Vorort Oulunsalo.
Übernachten: In Oulo gibt es etliche Hotels, wie beispielsweise das Lapland Hotel direkt neben der Domkirche oder das Radisson Blue direkt am Markt. Nahe der Stadt gibt es etliche Campingplätze, wo man auch Hütten mieten kann.
Noch mehr finnische Einsamkeit gefällig? Dann solltest du an den Saimaa fahren, den viertgrößten See Europas.





