Goldene Zeiten in Alaska

Landschaft in Alaska

Bis 1867 Teil des russischen Zarenreiches, danach die letzte Grenze der Vereinigten Staaten, heute der boomende 49. Bundesstaat, der alle Vorstellungen sprengt: Alaska, die größte Exklave der Welt, die durch ein gutes Stück Kanada vom Rest der USA getrennt ist, lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: wild, menschenleer und atemberaubend schön.

Abenteuerlich und wild

Im Vergleich zu diesem Land der Superlative ist Deutschland geradezu lächerlich klein. Rein rechnerisch hätte jeder „Alaskan“ ungefähr 2,6 Quadratkilometer Platz nur für sich allein; pure Spekulation, weil fast jeder zweite in Anchorage lebt, wo unberührte Natur gleichsam vor der Haustüre liegt. Es gibt wenige Destination auf dem Erdball, die so abenteuerlich sind, so naturbelassen und faszinierend wie Alaska. Der größte, westlichste, nördlichste und vermutlich auch kälteste Bundesstaat der USA ist ein Paradies für Naturfans, das unvergessliche Eindrücke garantiert. Wal- oder Bärenbeobachtungen, Goldwaschen, Angeln, Rundflüge mit einem Helikopter oder einem Buschflugzeug, Kajak- und Raftingtouren, Heliskiing und Schlittenhundetouren – hier ist fast alles möglich, was einem zum Thema Aktivitäten im Freien einfällt.

„Last frontier“

Alaskas offizieller Spitzname lautet „Last Frontier“, was übersetzt „Letzte Grenze“ bedeutet, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn nur ein winziger Teil des riesigen Landes ist durch Straßen erschlossen, viele der in der Wildnis liegenden Siedlungen sind nur per Schiff oder Wasserflugzeug zu erreichen. Wer Alaska bereisen will, womöglich gar die Inseln des Aleutenbogens kennenlernen möchte, der sich bis nach Russland zieht, braucht vor allem eines: viel Zeit.
In mehreren Folgen möchte ich euch Highlights aus Alaska präsentieren. Heute den Denali-Nationalpark, der bereit 1917 gegründet wurde und auf dessen Gebiet der gleichnamige Berg liegt.

Alaska Denalinationalpark.
Der Denali-Nationalpark wurde bereits 1917 gegründet.

Die Athabascan Indianer nannten ihn Denali, der Hohe, und das ist er mit seinen 6190 Metern als höchster Berg Nordamerikas tatsächlich. Im Gegensatz zu etlichen anderen Nationalparks in Alaska hat der Denali einen entscheidenden Vorteil: Das 24 000 Quadratkilometer große Schutzgebiet, in dem Bären, Karibus, Elche, Bergziegen, Wölfe, Füchse, Otter und viele Vogelarten leben, ist bequem mit dem Auto über den George Parks Highway oder mit der Alaska Railroad zu erreichen. In den Park selbst führt eine 146 Kilometer lange Schotterpiste bis zum Wonder Lake und zum historischen Kantishna Mining District. Der größte Teil dieser Straße ist zwar für den Privatverkehr gesperrt. Aber es gibt Shuttle Busse, die den ganzen Tag regelmäßig hin und zurück pendeln. Wem das nicht reicht, nimmt an einer der geführten „Wildlife“-Bustouren teil, die zwischen sechs und zwölf Stunden dauern, klettert in ein Buschflugzeug oder in einen Helikopter – zur Flightseeing- Tour.

Lok Anchorage.
Eine alte Lok in Anchorage.

Denali ist Bärenland. Ruhelos, immer auf der Suche nach etwas Fressbarem, streifen die Petze durch Alaskas berühmtesten Nationalpark, lauern an knietiefen Flusswindungen fetten Lachsen auf und machen sich hungrig über zartgliedrige Karibus her, die sich unvorsichtigerweise von der Herde entfernt haben. „Rund 350 Grizzlys leben hier“, erzählt Scott, Busfahrer, Guide und Entertainer in Personalunion, während der Bus im Schneckentempo über die staubige Parkstraße ruckelt.

Bären sind Allesfresser

Gleich zu Beginn hat er seinen Passagieren ein paar Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg gegeben: „Wenn ein Elch vor euch steht, dann rennt. Sollte es ein Bär sein, lasst es besser bleiben. Sonst hält er euch womöglich für sein Abendessen.“ Was der Naturbursche vorsorglich nicht verraten hat: Bären sind zwar Allesfresser, denen beim Anblick roter Beeren und springender Lachse das Wasser in der Schnauze zusammenläuft und die einen türmenden Zweibeiner schon mal mit einem zarten Elchkalb verwechseln können, doch die Schwergewichte mit den gewaltigen Geweihen sind auch nicht ohne. Bis zu 850 Kilogramm bringen die Herrscher des Waldes auf die Waage, und auf kurzen Spurts knacken sie mühelos die 60-Stundenkilometer- Marke. Da sollte sich ein untrainiertes Individuum besser vom Acker machen.

Autoschild Alaska
„The Last Frontier“ nennen die Bewohner von Alaska ihre Heimat.

350 Grizzlys auf einer Fläche von knapp 25 000 Quadratkilometern? Größer als Hessen! Da scheinen die Chancen, einen der schwerfälligen Burschen zu sichten, nicht allzu groß. Weit gefehlt: Kaum holpert der altersschwache Bus zum Sable Pass hinauf, kommt Leben in die Bude. „Ahs“ und „Ohs“ hallen durch das Gefährt, Handys werden gezückt, ein Klickgewitter bricht über den Heißersehnten herein: Ein prächtiges Bärenmännchen streift ungerührt durch die Büsche, ein tapsiger Einzelgänger mit honigblondem Fell – keineswegs ein Graufuchs, wie der Name Grizzly vermuten ließe.

Begegnungen der tierischen Art

Es bleibt nicht die einzige Begegnung der tierischen Art. Am Sanctuary River, wo es einen Campingplatz für Backpacker gibt, verdrückt sich ein Luchspärchen aufgeschreckt im Unterholz; Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA, kreisen über dem Polychrome Pass, wo der schroffe Fels der fast 1000 Kilometer langen Alaska Range in allen erdenklichen Rot- und Brauntönen leuchtet, und am Toklat River bestaunen niedliche Erdhörnchen die seltsamen Eindringlinge in ihrem lärmenden Bus.
Es war Charles Sheldon, ein engagierter Naturforscher und begeisterter Jäger, der Anfang des 20. Jahrhunderts den unerschöpflichen Reichtum der Region zwischen Anchorage und Fairbanks erkannte. Eigentlich wollte der Mann von der Ostküste Dall-Schafe – erkennbar an den gekrümmten Hörnern – jagen, doch dann verfiel er der menschenleeren Wildnis mit ihren steil aufragenden Felsflanken, den wild zerklüfteten Gletschern und den ungebändigten Flüssen, die sich nach jeder Schneeschmelze einen neuen Weg in ihrem breiten Bett suchen. Jahrzehnte, bevor Umwelt- und Naturschützer auf den Plan traten, kämpfte Sheldon auf der politischen Bühne, um die große Leere rund um den Denali vor allzu nachhaltigen Eingriffen durch den Menschen zu schützen.

Alaska Straßen
Alaskas Straßen führen durch spektakuläre Landschaften.

Es war Barack Obama, der dem Denali seinen ursprünglichen Namen zurückgab. Denn über 100 Jahre lang tauchte der Eisriese, der den Ureinwohnern heilig war, als Mount McKinley in Landkarten auf. Ein Goldsucher hatte den Berg 1896 nach dem späteren US-Präsidenten William McKinley benannt, obwohl der nie in Alaska war – was er übrigens mit vielen seiner Nachfolger im Amt gemein hatte.
Den glorreichen Granitgiganten zu bezwingen, der in frostiger Isolation über die Alaska Range regiert, ist der Traum unzähliger Bergsteiger. Erst 1913 musste sich der Himmelsstürmer menschlichen Eroberungsversuchen geschlagen geben, und auch heute noch zeigt er so manchem Bergsteiger die eiskalte Schulter. „Selbst im Sommer herrschen eisige Temperaturen auf dem Gipfel, sind Stürme mit Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern keine Seltenheit“, erzählt Scott.

Wolken über dem Denali

Den meisten Besuchern würde schon ein Foto des Vielumschwärmten genügen. Würde er sich nur nicht wie eine zickige, alte Diva benehmen, die ihre Fältchen hinter einem Fächer zu verbergen sucht. Wobei der Fächer im Falle des Denali wahlweise tief hängende Wolken oder nicht weniger imposante Bergnachbarn sind. An klaren Tagen ragt der vereiste Solitär wie eine überirdische Erscheinung aus den mit Moos und Flechten überzogenen Bergen auf; doch meistens versteckt er seine glänzende Erscheinung hinter einem grauen Schleier. In seiner ganzen Größe zeigt sich „der Hohe“ noch am ehesten am Wonder Lake, einem türkisfarbenen See, wo es einen letzten Außenposten der Zivilisation gibt – einen Zeltplatz ohne alle Annehmlichkeiten.

Gletscher alaska
Die Gletscher reichen oft bis an die Straße.

Wer sich dort umsehen möchte, sitzt mindestens elf Stunden im Bus. Diese Strapazen für Hin- und Rückfahrt nehmen allerdings nur die wenigsten Nationalpark-Besucher auf sich. Die große Mehrheit deckt sich lieber mit mehr oder weniger kitschigen Souvenirs ein. Der Prachtkerl grüßt von Postkarten und Pins, schmückt T-Shirts und Mützen. Dass sich der Gute nicht blicken lässt, ist zu verschmerzen – schließlich ist das von Tundra, Bergen und Permafrost geprägte Schutzgebiet auch so überwältigend. Stundenlang kann man durch den Park fahren, ohne einer einzigen menschlichen Seele zu begegnen. Parkgrenzen gibt es nur auf dem Papier, denn die Natur schert sich wenig um menschliche Festlegungen. Wolkenknäuel fegen von den Berghängen herab, bleiben wie Girlanden auf halber Höhe hängen, verweben sich an anderer Stelle zu einem dichten Vorgang, um Sekunden später von göttlicher Hand zerrissen zu werden.

Wasserflugzeug Alaska
Das Wasserflugzeug ist ein unverzichtbares Transportmittel in Alaska.

Sonnenstrahlen wandern ruhelos über dichte Schwarzfichten- Wälder, tauchen schmächtige Rinnsale und reißende Ströme in ein silbriges Licht, klammern sich fest an baumloser Tundra, die dem Park ein Feuerwerk aus Farben beschert. Leuchtend rote Beeren konkurrieren mit dem knalligen Rosa des „Fireweed“, wilde Iris schwelgt in Purpur, Arnika in strahlendem Gelb. Wo der Permafrostboden ganze Erdschichten ins Rutschen bringt, entstehen Phänomene wie der „drunken forest“ – die zwergwüchsigen Bäume stecken kreuz und quer in der Erde, als habe ein Riese Mikado mit ihnen gespielt.
Nur der zentnerschwere Vetter des europäischen Elchs will sich partout nicht blicken lassen. „Für die Tiere sind heiße Sommertage eine harte Durststrecke“, wirft Scott fast schon entschuldigend ein. Da bleibe nur die Flucht in höhere Regionen des Parks oder auf eines jener wenigen, schmutzig grauen Schneefelder, die ein wenig Kühlung versprechen. Den drei Dutzend parkeigenen Schlittenhunden, den „glücklichsten Regierungsbeamten der USA“, wie Rangerin Hannah augenzwinkernd erklärt, geht es nicht anders. Faul liegen sie auf oder in ihrer Hütte, wedeln behäbig mit dem Schwanz und werden nur munter, wenn Hannah mit dem Geschirr wedelt. Denn die Zugpferde wollen laufen, laufen, laufen.

Alaska Ralroad
Eine Zugfahrt zum Denali-Nationalpark ist ein besonderes Erlebnis.

Als die Alaska Railroad abends Richtung Anchorage rollt – vorbei am verschlafenen Nest Talkeetna, wo ganze Hundertschaften von Bergsteigern ihren Ansturm auf den Denali starten, vorbei an der 100 Meter tiefen Hurricane Schlucht, vorbei am verschlafenen Städtchen Willow, das so gerne Hauptstadt des US-Bundesstaates geworden wäre, hätten die Bürger Alaskas nicht kurzerhand die Finanzmittel für den Umzug von Juneau gestrichen -, taucht er doch noch auf: der König der nordischen Wälder, der Herrscher der Hirsche. Vor den Panoramafenstern der Doppelstockwagen breitet sich eine geradezu aquatische Landschaft aus. Wild und ungebändigt stolpert der Chulitna River vorwärts, reißt hier ein Stück Ufer ab, um es ein paar Meter weiter zur Sandbank aufzuhäufen. Milchig grüne Seen verschwinden unter dem gelben Teppich blühender Seerosen, Myriaden von Mücken kreisen über sumpfigem Gelände. Plötzlich schallt ein kollektiver Freudenschrei durch den Wagen, gepaart mit ungläubigem Raunen. Stolz wie Oskar steht er da, die Hufe knöcheltief im Morast vergraben, den knuffigen Kopf nach oben gereckt, die Lauscher aufmerksam gestellt. Reglos verfolgt er den ratternden Zug, lässt sich nur kurz beim Fressen stören. Und dann ist er auf einmal verschwunden, in Alaskas menschenleerer Wildnis.

Anreise: Der Parkeingang befindet sich am Alaska Highway 3 (auch George Parks Highway) etwa 380 Kilometer nördlich von Anchorage, und 200 Kilometer südlich von Fairbanks. Der eigentliche Eingang zum Denali Nationalpark befindet sich auf der Denali Park Road, die bei „Meile 237“ vom Parks Highway abführt (ausgeschildert). Die Straße ist die ersten 24 Kilometer von jedem Fahrzeug zu befahren. Ab dem Savage River verkehren die Tour- oder Parkshuttle-Busse.

Öffnungszeiten: Der Busservice beginnt meist in der zweiten Maihälfte, die gesamte Straße ist in der Regel aber erst in der zweiten Juni-Woche befahrbar. Die Shuttle-Busse verkehren in der Regel bis Mitte September.
Eintrittspreise: Wer mehrere US-Nationalparks besuchen möchte, für den empfiehlt sich der America the Beautiful Annual Pass. Der Jahrespass kostet 80 US-Dollar und erlaubt den Besuch von über 2 000 Erholungsgebieten und Nationalparks. Ab dem Besuch von mehr als vier Nationalparks lohnt sich der Kauf des America the Beautiful Annual Pass.

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3 Kommentare

    1. Liebe Esther,
      Alaska ist wirklich ein ganz tolles Land, vor allem wenn man auf Natur und Tiere steht. In kürze kommt ein weiterer Beitrag zu dem Land. Bei mir dauert das immer ein wenig, weil ich ja noch berufstätig bin. Einfach gelegentlich reinschauen.

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