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    Categories: Reisen

Blogparade: Warum das Fernweh nie vergeht

Jeder Mensch hat Träume. Dem einen schwebt das Einfamilienhaus mit großem Garten vor; der andere sehnt sich nach einem tollen Schlitten. Bei mir ist es das Reisen, seit ich denken kann. Die Welt zu entdecken, in all ihren Facetten, das ist für mich der größte Luxus. Womöglich wurde ich schon als Kind mit dem Reisevirus infiziert, als die ganze Familie in einem VW-Käfer Richtung Adria tuckerte – nachts, weil man sich so die Übernachtung unterwegs sparte. Es folgten Reisen nach Yugoslawien, auf die Seiser Alm, an den Neusiedler See – Reisen, die mir trotz oder gerade wegen ihrer Einfachheit unvergesslich sind.

Vom Ausflug bis zum Rucksack-Trip

Später gab es kaum einen freien Tag, eine freie Woche, die ich nicht zu Ausflügen und Entdeckungen genutzt habe. Der Ausflug zum Wandern in den Kraichgau, das Wochenende im Spessart, der Rucksack-Trip durch Südamerika, die Fährreisen durch die Ostsee – das sind meine kleine Alltagsfluchten.

Landkarten, Postkarten und Fotografien: Sie erinnern an die wochenlange Reise per Zug durch Indien.

Früher haben wir unzählige Nächte in rollenden Zügen verbracht, um die Urlaubskassen zu schonen; heute ist mir etwas mehr Komfort wichtig. Wobei mein Komfort auch aus dem Nachtlager in einem Mehrbettzimmer in einer Jugendherberge bestehen kann.

Corona bremst die Reiselust

Umso schwerer haben mich die Reisebeschränkungen wegen Corona getroffen. Dass Reisepläne in die Ferne über den Haufen geworfen wurden – geschenkt. Ich kann ganz gut damit leben, einmal nicht nach Afrika, Asien oder Südamerika zu düsen. Aber dass mir das Reisen in Europa, ja in Deutschland so erschwert wurde, daran knabbere ich schon.

Öland ist die beliebteste Urlaubsinsel der Schweden. Drei Millionen Besucher kommen im Jahr.

Zumal ich viele Regelungen schon lange nicht mehr kapiere. Ist eine Hüttenübernachtung in den Bayerischen Bergen gefährlicher als der Riesensupermarkt um die Ecke, wo sich samstags Hundertschaften drängen? Ist mein Häuschen in Schweden, mitten im Wald gelegen und j.w.d – janz weit draußen-, wie der Berliner sagen würde, wirklich der große Pandemie-Treiber? Ich habe mich brav an die Bestimmungen gehalten, zwar mit Grummeln im Magen, aber doch einsichtig angesichts der Situation. Reisen ist mein größtes Hobby, aber ich kann es ertragen, wenn ich pausieren muss.

Jeder hat sein Sehnsuchtsziel

Was nicht verschwindet, ist das Fernweh. Und mit diesem Gefühl stehe ich nicht allein. Für Gela von „Unterwegs mit Kind“ ist es Patagonien, für andere Teilnehmer ihrer Blogparade sind es Thailand, Kanada oder Singapur.

Natürlich habe ich Sehnsuchtsorte, zu denen es mich zieht. Und etliche dieser Sehnsuchtsorte durfte ich auch schon sehen, wie beispielsweise Machu Picchu, Galapagos oder die Antarktis. Doch diesen einen Ort, der alle anderen aussticht, der die Pole Position meiner Bucket List einnimmt – den gibt es nicht.

Meerechsen suchen ihre Nahrung im Wasser.

Schon das Wort Bucket List ist mir zuwider, weil mich dies in ein Korsett zwängt, mir die Spontanität raubt. Ja, es wäre toll, mal nach Neuseeland zu reisen, doch das Land läuft schließlich nicht davon. Die Reise ans andere Ende der Welt krampfhaft in einen zweiwöchigen Urlaub zu quetschen, ist nicht mein Ding – ich habe schon immer Slogans wie „Europe in zehn Days“ belächelt. Ja es wäre super, die Gorillas in Uganda zu besuchen. Aber will ich wegen erforderlicher Permits wirklich schon jetzt festlegen, wohin ich in zwei Jahren fahren möchte?

Ich kenne Menschen, deren Reisepläne sind so durchgetaktet wie ihr Arbeitsalltag. Das ist nicht mein Ding. Ich bin eher der spontane Mensch, der – wenn es beruflich machbar ist – spontan die Koffer packt. Ich will nicht mehrwöchige Roadtrips akribisch am Küchentisch planen – weshalb organisierte Gruppenreisen für mich so ziemlich das schlimmste sind. Ich will vor Ort entscheiden, was ich machen möchte – denn dort sitzen die Experten: die Einheimischen.

Von manchen Orten bekommt man nie genug

Es gibt Orte, von denen ich nie genug bekommen kann: Schottland, Schweden, Alaska und vor allem Südamerika. Und es gibt Stätten, da will ich für kein Geld der Welt wieder hin – Orte in Asien, weil mir dieser Kontinent einfach zu voll ist, aber auch bestimmte Traum-Destinationen, weil Menschenmassen selbst den schönsten Ort auf Erden kaputt machen. So erging es mir vor einigen Jahren in Angkor Wat, das ich noch aus Zeiten kannte, als sich wenige Besucher in der riesigen Tempelstadt verloren.

Würgefeigen und Kapokbäume machen sich über den Tempel Ta Prohm her, der auch schon als Filmkulisse diente.

Und dann gibt es Plätze, die so einmalig waren, dass sich die wohligen Momente für immer ins Gedächtnis eingebrannt haben – wie Grönland.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch in Ilulissat erinnern: Es war ein wunderbar lauer Sommerabend, mit unbeschreiblichem Licht und angenehmen Temperaturen. Wir Mädels saßen mit einem Glas Sekt – wahrscheinlich der teuerste in meinem Leben – auf dem Balkon unseres Hotelzimmers und sahen den Eisbergen beim Vorbeiziehen zu. Sie funkelten in allen Farben, in smaragdgrün, türkis, im Licht der Sonne sogar rötlich. Jahre später kehrte ich nach Grönland zurück. Die Tage waren grau, das Licht diffus, die Eisberge zwar immer noch majestätisch, aber schlicht weiß. Damals habe ich gelernt: Traumtage lassen sich nicht einfach wiederholen.

Halten keinen Abstand ein: Pinguine und Antarktistouristen.

Natur statt menschengemachter Silhouette

Warum sich manche Länder in meine Hirnwindungen gefressen haben und andere nicht: Ich kann es nicht sagen! Oft ist es eine Kombination aus allem Möglichen. Aus Wetter, Zeit und ganz viel Zufall. Ich war schon immer mehr an Natur, denn an menschengemachter Silhouette interessiert. Ich streife lieber durchs Unterholz, denn durch Museumsräume. Ich bevorzuge das Alpenglühen, statt die Kreditkarte beim Shoppen glühen zu lassen. Und Traumstrände überlasse ich gerne jenen, die mit Sonnen und Baden vollends zufrieden sind.  Was mich zu bestimmten Orten zurückzieht? Das Gefühl, zu wenig gesehen, zu viel – notgedrungen – ausgelassen zu haben. Manche Plätze sind einfach zu einer zweiten Heimat geworden.

Västervik ist einer der schönsten Orte an der Ostseeküste.

Sehnsuchtsziel Nr. 1: Schweden

Letzteres trifft auf Schweden hundertprozentig zu. Meine Liebe zu dem skandinavischen Land ist – wenn man so will – einer frechen Göre mit knallroten Haaren geschuldet: Pippi Langstrumpf. Als Kind habe ich die Abenteuer der jungen Dame verschlungen, mir ausgemalt, wie die Villa Kunterbunt aussehen könnte und davon geträumt, einmal in dieses Land zu reisen.

Da will ich bald wieder hin: an den historischen Götakanal. Die Flussschiffe pausierten ebenfalls wegen Corona.

Als ich Jahre später beruflich mit einem Nostalgie-Dampfer über den Göta-Kanal schipperte, quer durch das Land von Göteborg nach Stockholm- da habe ich mich buchstäblich schockverliebt – in die roten, gelben und blauen Puppenhäuser aus Holz, in die stillen Landschaften, in die lockere Art der Schweden, die nie aufdringlich, aber immer hilfsbereit sind.

In Astrid Lindgrens Welt in Vimmerby trifft man auf Pippi und andere Romanfiguren.

Es folgten unzählige Reisen, in den Norden und in den Süden, mit dem Wohnmobil oder dem Auto, im Frühjahr mit überraschendem Wintereinbruch, aber auch im Herbst, wenn die Gänse im Formationsflug über die Köpfe wegziehen.

Ich liebe das Licht des Nordens, das so klar ist wie das Wasser in den verschwiegenen Buchten. Ich liebe die Stockrosen, die vor pastellfarbenen Häusern Spalier stehen. Ich liebe die Fika, die Kaffeestunde unter mächtigen Bäumen, die mich an Pippis Limonadenbaum erinnern. Ich liebe die holprigen Straßen, die auf irgendeine abgelegene Schäreninsel führen, wo ich völlig allein mit Wind und Wellen bin.

Schärengarten vor Västervik in Schweden

Aus der Urlaubsbekanntschaft wurde die Liebe fürs Leben

Aus der Urlaubsbekanntschaft ist eine Liebe fürs Leben geworden. Noch diktiert das Berufsleben, wann und wie lange wir nach Småland reisen können. Doch in absehbarer Zeit wird das kleine Örtchen im Herzen der historischen Provinz zu unserem Sommerdomizil.

Dort gibt es keinen Autolärm, nur das Rascheln hochhaushoher Birken. Dort gibt es keine überfüllten Strände, nur die Qual der Wahl: Welcher Badesee soll es heute sein. Dort gibt es keine tropischen Temperaturen in der Nacht, nur helle Tage, an denen die Sonne nie untergeht.

Wird ein so stilles Leben nicht langweilig? Für mich nicht: Kalmar ist nicht weit, Stockholm bietet sich für einen Wochenendtrip an und Schweden hat so viele schöne Ecken, dass ich gar nicht so alt werden kann, um alle zu sehen. Unsere erste Amtshandlung: einmal mit der Inlandsbahn durch Schweden fahren, nach Norwegen wechseln und für die Rückfahrt die Fähren von Hurtigruten nutzen. Die kleinen Schiffe wohlgemerkt, die ohne Touristenmassen.

Sehnsuchtsziel Nr. 2: Alaska

Die USA sind nicht unbedingt mein Lieblingsland, und so lange Herr Trump regierte, war es für mich eine No-go-Area. Was am großen Bruder und nicht an mir lag.

Mein einziges Verbrechen: Ich hatte es gewagt, vor einigen Jahren in den Iran zu reisen. Für das amerikanische Heimatschutzministerium rückte mich dies in die Nähe von Terroristen, weil sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten offenbar niemand vorstellen kann, dass man sich in good old Europe für alte Steine und magische Gärten interessiert. Von beidem hat der Iran ziemlich viel zu bieten.

Um es kurz zu machen: Die Iranreise sorgte dafür, dass mich die USA nicht mehr ins Land lassen wollte. Plötzlich wurde die ESTA nicht mehr erteilt, stattdessen sollte ich ein zeitaufwendiges und unverschämt teures Visum beantragen – mit polizeilichem Führungszeugnis, Erklärung meines Arbeitgebers und pipapo. Das habe ich aus Prinzip abgelehnt, weil ich nämlich nicht verstehe, weshalb saudi-arabische Prinzen nicht zur „Achse des Bösen“ gerechnet werden, sämtliche Iraner aber schon – und Touristen, die Persepolis, Isfahan und Shiraz mit eigenen Augen sehen wollen, gleich mit.

Der Katmai-Nationalpark ist 18 000 Quadratkilometer groß, aber menschenleer. Foto: LPs

Der Reiz der Wildnis

Der Bann ist mittlerweile abgelaufen, doch jetzt regiert eben Corona. Der größte Teil der Vereinigten Staaten interessiert mich ohnehin nicht. Die große Ausnahme ist Alaska. Wer einmal diese menschenleere Wildnis gesehen hat, zu Fuß durch den Denali-Nationalpark gestreift ist, von den Fähren des Alaska Marine Highways die Vulkankegel betrachtet und dem Spiel der Seeotter im Hafen von Seward zugesehen hat, der will einfach zurück.

Die Berge der Alaska Range präsentieren sich auch im Sommer schneebedeckt.

Alaska – das ist für mich einer jener magischen Orte, wo die Natur dem Menschen eine Statistenrolle zugewiesen hat, wo Tiere in unglaublicher Zahl in ihrer natürlichen Umgebung leben. Der Ausflug in den Katmai-Nationalpark, wo den Bären die fetten Lachse buchstäblich in den Mund hüpfen, wir unvergesslich bleiben.

Sehnsuchtsziel Nr. 3: der Baikal

Im Sommer habe ich das blaue Auge Sibiriens bereits gesehen. Aber wie muss es dort erst im Winter sein? Wenn das riesige Meer gefriert und sich zerklüftete Eisschollen am Ufer auftürmen? Wenn sich ein strahlend-blauer Himmel über den Wäldern wölbt und die Temperaturen so tief fallen, dass man eigentlich nicht raus aus der warmen Bude möchte.

Das Freilichtmuseum Talzy zum alten Sibirien liegt auf halber Strecke zwischen Irkutsk und dem kleinen Ort Listwjanka am Ausfluss der Angara.

 

Winter am Baikal: Das ist für die meisten Mitteleuropäer nicht unbedingt der typische Urlaubstraum. Japaner und vor allem Chinesen sehen das anders, weshalb viele Herbergen am See auch im Winter offen haben.

So wunderschön präsentiert sich der Baikalsee an einem herrlichen Sommertag.

Der Lockruf Russlands

Der Baikal ist nicht mein einziges Ziel im fernen Russland. Ich gebe zu: Ich liebe die russische Seele, die irgendwo zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwankt. Ich liebe die Babuschkas, die mir mit Kartoffeln gefüllte Warenikis verkaufen und mich gleich zu einem Tee in der winzigen Hütte einladen. Ich liebe die überfüllten Abteile auf der Transsib, wo es nach Knoblauch und Käsefüßen duftet und die Schaffnerin mir den Tee an den Platz bringt.

Mit viel Liebe haben die Eigentümer dieses Hauses ihren Garten gepflegt.

 

Dieses Land braucht Zeit; es zeigt seine außergewöhnliche Schönheit, seine Ursprünglichkeit, seine Seele erst beim zweiten Blick. Wenn ich gefragt würde, welchen Traum ich noch verwirklichen möchte – ich muss nicht lange nachdenken. Eine Reise nach Kamtschatka und mit dem Postschiff auf dem Jenissei stehen ganz oben.

Roswitha:
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