Die Wohlfühl-Welt der Euganeischen Hügel

Paola, die resolute Italienerin, holt sich eine Absage nach der anderen. Die Physiotherapeutin mit dem modischen Kurzhaarschnitt wandert von Sonnenliege zu Sonnenliege, im Gepäck die nachmittägliche Wassergymnastik, die Gelenke schmiert und Muskeln stärkt. Doch die italienischen Signoras in knappen Bikinis, die deutschen Herren mit Bierbauch schlürfen lieber den obligatorischen Aperol Spritz statt sich im 36 Grad warmen Thermalwasser zu verausgaben. Abano Terme und sein Zwilling Montegrotto Terme sind zwar auf Schlamm gebaut, auf jenen berühmten Fango, dessen heilkräftige Wirkung schon die alten Römer zu schätzen wussten. Doch warum das gesundheitlich Nützliche nicht mit dem Angenehmen verbinden? Der morgendlichen Schlammpackung nicht das nachmittägliche Sonnenbad für die Urlaubsbräune folgen lassen? Wobei Abanos Hinterland viel zu schön ist, um sich dem Faulenzertum hinzugeben.

Tag 1 und 2:  Fango in Abano Terme

Noch nie was von den Euganeischen Hügeln gehört, jenen knapp 100 erloschenen Vulkanen, die wie Maulwurfshügel aus der platten Poebene herausragen? Dann ergeht es euch wie mir, die das reiche Veneto vor allem mit drei der lebhaftesten, kunstsinnigsten Städte Italiens verbunden hat: mit Padua, Vincenca und Venedig. Sieben Tage in den Colli Euganei bringen nicht nur den Körper in Schwung; sie verlocken auch zu Ausflügen zu Klöstern, Kirchen und Schlössern, zu Abstechern zu verwunschenen Gärten um venezianische Villen, zu Mußestunden in Trattorien und Osterien, zu Weinproben mit dem Rebensaft der Vulkanlandschaft, der noch nicht verdorben ist von zu allzuviel Geschäftssinn. Zum Schluss winken Giottos herrliche Fresken in der Scrovegni-Kapelle in Padua: vorausgesetzt, der Kunstfreund hat sich die Eintrittskarten rechtzeitig per Internet reserviert.

Hätten all die Kurwilligen und Vergnügungssüchtigen Gelegenheit, Abano von oben zu betrachten, sie würden eine blau schimmernde, in den kalten Wintermonaten dampfende Ansammlung von Thermalbädern, Schwimmbecken mit olympischen Maßen und wellnesstauglichen Whirlpools entdecken. Alles unter einem Dach lautet die Devise in den weit über 100 Hotels in diesem 1927 zum Heilbad erhobenen Städtchen und seiner Nachbarin Montegrotto. Schon am frühen Morgen, wenn die Straßen noch nicht vom Lärm knatternder Vespas erfüllt sind, karren die Fangini den heilkräftigen Schlamm eimerweise heran, warten von allerlei Zipperlein geplagte Kurgäste auf die feucht- heiße Umarmung mit dem tonigen Brei. Der lange Gang mit den Behandlungskabinen erinnert nicht umsonst an einen Krankenhausflur; schließlich soll die braune, ziemlich glitschige Pampe Beweglichkeit zurückbringen und Schmerzen lindern. Die erste Begegnung mit dem weltberühmten Fango ist jedoch alles andere als lustvoll: Mit Schmackes klatschen die hilfreichen Geister den höllisch-heißen Matsch auf Rücken und Pobacken, betten ihr williges Opfer in den wenig appetitlichen Brei und packen den Fango-Gläubigen in Leintücher und Wolldecken ein. Es folgen 20 Minuten Schwitzen, die eine finnische Sauna als angenehm temperiert erscheinen lassen.

Brunnen in Abano Terme
Dieser hübsche Brunnen findet sich in der Fußgängerzone von Abano Terme.

Es lässt sich trefflich streiten, ob die oberitalienische Thermenstadt das größte Kurbad Europas ist. Eines der ältesten ist es auf jeden Fall, und natürlich ist ihr Ursprung -wie sich das für die Nachfahren der alten Römer gehört- durch Legenden verklärt. Der Sage nach ist Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, für den Reichtum an Quellen verantwortlich, stürzte er doch genau hier, in diesem sonnenverwöhnten Landstrich mit Vaters vierspänniger Luxuskarosse ab. Weshalb allerdings VW sein superteures Flaggschiff nach dem göttlichen Fahranfänger benannt hat, wird wohl auf ewig das Geheimnis der Wolfsburger bleiben.
Das Heil bringende Nass, das mit 87 Grad aus der Erde sprudelt, blieb nicht lange unentdeckt. Einer der ersten Kurgäste soll der griechische Held Herkules gewesen sein, der nach vollbrachtem Sieg gegen den Riesen Geryon etwas Stärkung gebrauchen konnte. Dem Burschen und seinen Gefährten gefiel die Gegend so ausnehmend gut, dass sie Griechenland glatt vergaßen und auf dem Gebiet von Abano einen Tempel bauten -mit angeschlossenem Orakel, bei dem selbst der spätere Kaiser Tiberius Rat holte.

Schinkenstand in Padua
Kur und Genuss sind in den Heilbädern der Euganeischen Hügel kein Widerspruch.

Die dampfenden, nach Schwefel riechenden Gruben in dieser damals überwiegend sumpfigen und von Wäldern bedeckten Gegend, von denen der Dichter Claudius Claudianus im vierten Jahrhundert nach Christus berichtet, waren der Grundstock für einen florierenden Kurort, wo die Gutsituierten Körper und Geist stärkten, in Gartenanlagen lustwandelten und sich in Theatern und schönen Patrizierhäusern vergnügten. Es wurde regelrecht Mode, sich dem „mos baianum“ hinzugeben, einem ziemlich ausgelassenen Lebensstil, der Sittenwächter sicherlich auf den Plan gerufen hätte. Das archäologische Ausgrabungsgelände in Montegrotto Terme, wo Tausende Gläser, Tassen, Gefäße und Gegenstände aus Bronze ans Tageslicht befördert wurden, gibt einen guten Eindruck jener Zeit, als Römer, Goten und Langobarden zur „fons Aponi“ pilgerten und am Mons Aegrotorum, dem Berg der Erkrankten -wovon sich wahrscheinlich der Name Montegrotto ableitete- verlorene Gesundheit wiedererlangten. Wie Abertausende danach: In der Renaissance kamen venezianische Adelsfamilien und bauten prachtvolle Landsitze entlang eines weitverzweigten Kanalsystems, das bis heute die Dogenstadt mit Padua, der Prächtigen, verbindet. Galileo Galilei ließ sich das „Muttergotteswasser“ sogar nach Padua bringen. Später war es Europas gut betuchte Oberschicht, die sich in den heißen Heilschlamm packen ließ und anschließend im wohlig temperierten Thermalwasser badete.

Glaskunstwerk in Montegrotto Terme
Im Zentrum von Montegrotto Terme wird dem Glas aus Murano gehuldigt.

Mozart, Shakespeare und Lord Byron waren hier, natürlich Goethe während seiner italienischen Reise. Wer nun allerdings einen historisch anmutenden Badeort erwartet, mit prächtigen Villen aus der Zeit der K.und K.-Monarchie, wird enttäuscht werden. Abano ist mitnichten die Italienische Ausgabe des tschechischen Marienbads, kein zweites Baden-Baden mit reizvoller Architektur und schattigen Flaniermeilen. Zugegeben: Es gibt das Grand Hotel Orologio, das im 18. Jahrhundert von einer Adelsfamilie erbaut wurde und dessen neoklassizistische Fassade die Fußgängerzone dominiert. Doch das Wahrzeichen der Geschichte Abanos steht schon lange leer, und eine mögliche Nutzung des lang gezogenen Baus ist nicht in Sicht. Immerhin erinnert das geschichtsträchtige „Trieste & Victoria“, wo während des Ersten Weltkrieges das italienische Oberkommando untergebracht war, an jene Zeiten, als sich ein wohlhabendes Völkchen unter flammenden Kristalllüstern im Walzertakt wiegte. Die meisten Hotels wurden allerdings in den 50er, 60er und 70er-Jahren hochgezogen: schnell, preiswert, aber mit viel Beton. Der Modernisierungsschub im Inneren, die liebevolle Gestaltung von Gartenanlagen, das Aufhübschen mit ausgefallenen Pools kann das freudlose Äußere vieler Herbergen nicht übertünchen.

Bier aus den Eugenischen Hügeln
Die Region produziert nicht nur ausgezeichnete Weine, sondern auch Bier.

Es gab Zeiten, da füllten sich die Abertausend Hotelbetten von ganz allein, glich der Fund vom Thermalwasser im eigenen Vorgarten dem einer sprudelnden Ölquelle. Endlose Buskarawanen karrten Heilung Suchende via Brenner und Gotthardtunnel zu den Euganeischen Thermen, zu denen neben Abano und Montegrotto auch die sehr viel kleineren Ortschaften Galzignano Terme und Battaglia Terme zählen. Drei Wochen Kur auf Kosten der Krankenkassen waren die Regel und nicht die Ausnahme, der Gesundbrunnen im Ausland kein Problem. Doch mit den Einschnitten im Gesundheitswesen versiegte der Strom von Kassenpatienten; wer nicht rechtzeitig neue Gästekreise erschloss, blieb auf der Strecke. Hotelruinen mit blätterndem Putz, leeren Fensterhöhlen und verwilderten Gärten künden vom Niedergang.

Dorf in den Eugenischen Hügeln
Verträumte Dörfer verstecken sich in den Euganeischen Hügeln.

Von morbidem Charme zu sprechen, wäre dennoch gänzlich unpassend. Abano ist ein typisch italienisches Städtchen, mit zwei verschiedenen Gesichtern. Im alten Ortskern nahe des Doms San Lorenzo finden sich kleine Geschäfte, Trattorien und jede Menge jugendlicher Überschwang; zwei Kilometer weiter, im Kurviertel, spazieren Urlauber durch den Thermalpark und die Viale delle Terme, die quirlige Fußgängerzone, wo kleine Boutiquen Kitsch und Kunst aus Muranoglas, Badeanzüge und High Heels mit viel Bling Bling verkaufen. Die russische Kundin will beim abendlichen Dinner schließlich glänzen.
Der Rest liebt es eher leger, auch wenn die Kellner, die Vorspeise und Hauptgang am Tisch servieren, so elegant wie eh und je gekleidet sind. Die Gästeschar hat sich gewandelt. Statt gebrechlicher Herrschaften tummeln sich italienische Großfamilien am Pool; statt betagter Senioren zieht es Best Ager zu Entdeckungstouren mit Mountainbike und E-Roller. In den Schönheitsoasen lassen sich elegante Signoras den heilsamen Brei lieber ins Gesicht, statt auf schmerzende Knie schmieren. Im hauseigenen Fitnessstudio arbeiten sich angehende Muskelpakete an Rädern und Rudermaschinen ab, um anschließend zu Aquabike und Aquastepper zu wechseln. Irgendwann landen alle bei Paola oder eine der anderen guten Feen, die mit Zauberhänden gesegnet sind. Und die erwecken selbst den verspanntesten Bürokrieger wieder zum Leben.

Tag 3: Die Vulkankegel der Euganeischen Hügel

Ihren unbezahlbaren Schatz verdanken die Thermenorte den Euganeischen Hügeln, die sich schon auf der Autobahn Richtung Venedig vors Auge schieben. Es wäre zwar vermessen, die kegelförmigen Erhebungen als Berge zu bezeichnen – der Monte Venda bringt es auf Schlappe 601 Meter, seine Nachbarn krebsen bei 200 bis 300 Metern herum – doch Wanderer und Radfahrer freuen sich über die waldbedeckten Kuppen inmitten einer topfebenen Gegend. Letztere düsen übrigens wie gesengte Säue die schmalen Sträßchen zwischen den einzelnen Colli hinab. Die wilden Namensgeber, von denen es zwischen Abano und Este etliche geben soll, bekommt der Entdecker eher selten zu Gesicht.

Seit 1989 „Parco Regionale“

Vor 35 bis 40 Millionen Jahren erstreckte sich zwischen Alpen und Apennin eine riesige Meeresbucht. Und weil es im Erdinnern mächtig brodelte, folgte ein Vulkanausbruch dem nächsten. Jede Eruption gebar einen Vulkankegel, die aus dem Wasser herausragten. Die Einzigartigkeit dieses Naturphänomens zeigt sich heute vor allem an der Flora, denn in den Colli Euganei gedeiht die ganze Bandbreite an Pflanzen. Hier wachsen mediterrane Gehölze, Eichen und Kastanien, aber auch Mischwald und Vertreter der typischen Bergvegetation. So überaus reich präsentiert sich die Natur, dass die gesamte Hügellandschaft 1989 zum „Parco Regionale“ erklärt wurde, wo ein gutes Dutzend Wanderwege ausgewiesen wurden. Einer der schönsten, der Monte della Madonna, führt zu zwei alten Kultstätten, dem kleinen Gebetshaus San Antonio Abate aus dem 14. Jahrhundert und der Marienwallfahrtskirche mit dem daran angeschlossenen kleinen Benediktinerkloster.

Die Villa dei Viscovi in den Euganeischen Hügeln
Die Villa dei Viscovi ist eines von zahlreichen Herrenhäusern in den Euganeischen Hügeln.

Die paar Dutzend Vulkane sind längst erloschen, doch aus den Erdspalten sprudelt jenes heiße Nass empor, das unverzichtbar für die Fangotherapie ist. Wenn es von den Hotels gefördert wird, hat es bereits einen langen Weg hinter sich. Es kommt aus dem Vorgebirge der Dolomiten, fließt dann unterirdisch 100 Kilometer weit nach Süden und trifft nach etwa 30 Jahren bei den Euganeischen Hügeln an die Oberfläche – genügend Zeit, um sich mit wertvollen Mineralien anzureichern. Zusammen mit der Tonerde, die aus dem kleinen Costasee in der Nähe von Arquà Petrarca gewonnen wird, wird es zu jenem wundersamen Brei gemischt, der bis zur Verwendung mindestens 60 Tage reifen muss. Bis jener blaugrün schimmernde Film aus Bakterien und Algen entstanden ist, dem Wissenschaftler eine entzündungshemmende Wirkung zusprechen.

 Tag 4: Ausflug ins Mittelalter

Arquà Petrarca ist nicht allein wegen seiner Tonerde-Vorkommen berühmt, sondern vor allem wegen eines Bewohners: des Dichters Francesco Petrarca, der zeitgleich mit Dante das Italienische als Literatursprache adelte. Im fortgeschrittenen Alter kam er in das Dörfchen am Südhang des Monte Ventolone, verliebte sich in die verzaubernde Landschaft und bezog ein schmuckes Häuschen im oberen Ortsteil, das ihm der Stadtherr von Padua schenkte. Hier blieb der Vertreter der Renaissance bis zu seinem Tod im Jahr 1374. Die „Casa del Petrarca“ ging durch verschiedenen Hände, einer der Nachbesitzer ließ alle Räume mit Fresken schmücken, die Szenen aus dem Leben und dem Werk des gefeierten Humanisten zeigen. Aus Petrarcas Zeit blieben nur sein Sessel und ein Bücherschrank erhalten. Auch der kleine, ummauerte Garten verrät nicht, dass der Dichter, Poet und Diplomat einst Wein, Äpfel und Kräuter anbaute. Heute ist in dem einstigen Wohnhaus ein kleines Museum untergebracht – mit einer Katzenmumie als recht skurriles Ausstellungsstück. Kurios ist auch die Geschichte zu Petrarcas Sarkophag aus rotem Veroneser Marmor vor der Pfarrkirche: Dem Dichterfürsten fehlt nämlich nicht nur der rechte Arm-angeblich gestohlen. Als Forscher anlässlich des 700. Geburtstags des Hochverehrten die Leiche 2004 genauer unter die Lupe nahmen, stellten sie fest, dass der Kopf im Sarg der einer Frau war.

 Das Haus von Francesco Petrarca in Arquà Petrarca
Das Haus von Francesco Petrarca in Arquà Petrarca behebergt heute ein Museum.

Das knapp 2000 Seelen zählende Örtchen wirkt wie aus der Zeit gefallen und gilt nicht umsonst als eines der schönsten Dörfer Italiens. Es ist, als würden die gewundenen Steigungen nicht nur vom unteren Teil des Bilderbuchortes zum oberen führen, sondern auch aus der Gegenwart zurück ins Mittelalter. An den schmalen, gepflasterten Gassen, die für Autoverkehr nicht geschaffen sind, reihen sich stolze Steinhäuser mit winzigen Fenstern auf; in den verwunschen wirkenden „brolos“- eine Kreuzung aus Zier- und Gemüsegarten- duftet es nach Rosmarin, Basilikum und anderen mediterranen Gerüchen. Auf winzigen Plätzen rufen Waschtröge und Tränken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach. Im Oktober erwacht der mittelalterliche Ortskern zu neuem Leben, wenn Einheimische und Touristen die „Fiesta delle Giuggiole“ feiern. Die süße, einer Olive ähnelnde Brustbeere stammt eigentlich aus China, wurde aber schon seit römischen Zeiten auf den sanft abfallenden Hängen rund um Arquà angebaut. Der likörartige Saft soll entspannend und leicht euphorisierend wirken. Doch auch in Grappa eingelegt oder zu Pralinen verfeinert, finden die Beeren ihre Liebhaber.

Tag 5: Büßergang in Montselice

Die Sünder unter uns – und wer kann guten Gewissens behaupten, dass er davon frei ist – zieht es zum heiligen Felsen von Montselice, dessen alter Name „Berg des Feuersteins“ viel über die einstige Bedeutung verrät. Jahrhundertelang wurde in Mons Selicis Trachyt gebrochen, ein hellgrauer Vulkanstein, mit dem selbst der Markusplatz von Venedig gepflastert wurde. Schon von weitem erkenne ich die größte Attraktion der Gegenwart, das Wallfahrtsheiligtum Sette Chiese: sechs winzige Kapellen und eine stattliche Kirche pflastern die Via al Santuario, die an der eleganten Villa Duodo endet.

Kapellenweg in Monselice.
An der eleganten Villa Duodo endet der Kapellenweg in Monselice.

Deren Besitzer, eine venezianische Patrizierfamilie, hatte beste Beziehungen zum Heiligen Stuhl und nutzte dies zum eigenen Vorteil aus: Eine päpstliche Bulle von 1605 gewährt Pilgern zur Sette Chiese den gleichen Sündenerlass wie bei einer Pilgerfahrt zu den sieben größten Basiliken Roms. Die christlichen Märtyrer, die einst aus Rom überführt wurden und deren kärgliche Überreste in gläsernen Särgen in der dem Heiligen Georg geweihten Kirche ruhen, ziehen Wallfahrer zusätzlich an. Also ziehe ich das Büßergewand über und schleppe mich wie unzählige Gläubige über den gepflasterten Pilgerweg, vorbei an dem trutzigen Castello. Das Konglomerat aus Stilen verrät, wie sehr sich die Aufgaben des Herrensitzes im Lauf der Zeit veränderten: Burg, Residenz, Wachturm und Villa. Ein paar Schritte weiter blicken hutzelige Zwergenfiguren auf den Strom der Büßer herab, die an heißen Tagen beim Aufstieg ganz schön ins Schwitzen kommen. Wer gut zu Fuß ist, klettert von der Chiesa di San Giorgio Dutzende von Stufen zum 150 Meter hohen Hügel hinauf, der von der Mastio Federiciano, einer Festung aus der Zeit des Stauferkaisers Friedrich II gekrönt wird.

Blick auf die Chiesa di San Giorgio in Monselice.
Blick auf die Chiesa di San Giorgio in Monselice.

Zum Lohn für all die Mühen gibt es vom Bergfried einen atemberaubenden Blick über die Euganeischen Hügel: Angesichts der sanft geschwungenen Hügelketten, der Rebhänge und der schlanken Zypressen fühle ich mich, als wäre ich mitten in der Toskana gelandet. Kein Wunder, dass sich Klosterbrüder und -Schwestern in diesem gesegneten Landstrich dem lieben Gott näher fühlten und vermögende Venezianer hier Villen bauten. Das vielleicht schönste und gleichzeitig dekadenteste Beispiel solcher Repräsentationssucht findet sich in Galzignano Terme. Francesco Barbarigo, der sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine prächtige Villa bauen ließ, muss ein rechtes Vermögen in Haus und Garten gesteckt haben. Die grüne Lungen gilt als eine der schönsten auf dem Stiefel -voll mit Symbolik und Anspielungen auf die Vergänglichkeit der Zeit.

Das Diana-Portal beim Landgut Barbarigo.
Das Diana-Portal markiert den Eingang zum Landgut Barbarigo.

Ein überraschendes Universum an Brunnen, Bächen und Fischteichen, mit einem Buchsbaum-Labyrinth im Zentrum, durch das ich wohl noch immer irren würde, hätte mich die freundliche Aufseherin auf dem Aussichtsturm nicht zum Ausgang geleitet. Zwischen haushohe Buchsbaumhecken und Jahrhunderte alte Bäume verstecken sich über siebzig Skulpturen, beispielsweise Panther, die die gleichnamige Treppe säumen. Das Prunkstück aber ist ohne Zweifel das Diana-Portal, das einst den monumentalen Eingang zu dem Landgut markierte. Wie eine prächtige Hausfassade steht es inmitten eines schilfbewachsenen Teiches, der einst das natürliche Ende eines weitverzweigten Kanalsystems markierte. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, wie vor langer Zeit prächtig geschmückte Gondeln mit opulent gewandeten Gästen im Schein der Kerzen am Diana-Portal anlegten, um im Lustgarten der Barbarigos ausschweifende Feste zu feiern.

Tag 6: Die Heiligen von Padua

Ich hätte noch gern einen Blick in die unscheinbare Capella degli Scrovegni in Padua geworfen, auf Giottos „Jüngstes Gericht“, auf die Szenen aus dem Leben von Maria und Jesus vor einem tiefblauen Hintergrund, die seinen Ruf als Wegbereiter der Renaissance begründeten. Doch der nette Herr im Musei Civici agli Eremitani macht mir schnell klar, dass ein solch spontaner Besuch beim Meister aus Florenz einem göttlichen Wunder gleichkäme. So stürze ich mich in die Gassen der Stadt, die angeblich von dem sagenhaften Trojaner Antenor im Jahr 1184 vor Christus gegründet wurde und die dank ihrer 70 000 Studenten ein quirliges Universum ist. Bewundernd stehe ich vor dem imposanten Palazzo della Rangione mit seinen offenen Loggien an den Längsseiten, wo alles feilgeboten wird, was das kulinarische Herz begehrt. Sprachlos starre ich auf das Meer aus Wappen, die den Palazzo del Bo schmücken, wo schon Galileo Galilei lehrte und sich der älteste medizinische Hörsaal der Welt verbirgt. Ermattet von so viel Glanz und Pracht bette ich mich unter die schattigen Bäume am Prato della Valle, der seine Vergangenheit als monumentales antikes Theater nur schwer verbergen kann.

Padua: Kunst, Kirchen und Studenten

Padua Piazza dell`Erbe Palazzo della Ragione2
Padua jüdisches Viertel
Padua della valle2
Padia Basilica di Sant`Antonio8
Padia Basilica di Sant`Antonio4

Dass ich Giottos weltberühmte Fresken nicht gesehen habe, habe ich längst überwunden, zumal Padua in Sachen Kirchen nicht kleckert, sondern klotzt. Die Basilica di Sant’ Antonio – mit ihren acht riesigen Kuppeln und schlanken Spitztürmchen eine höchste eigenwillige Konstruktion aus dem frühen Mittelalter – wurde zu Ehren des Heiligen Antonius errichtet, und um den gleichermaßen volkstümlichen wie wortgewaltigen Asketen dreht sich im Innern alles. Menschentrauben stauen sich vor seinem riesigen Sarkophag, Hände berühren ihn, Münder küssen ihn ehrfurchtsvoll. Medaillons und Fotos von Gläubigen, die Hilfe erflehen, zeigen, wie stark der Glaube an den Franziskanermönch noch immer verankert ist. Draußen vor der Tür blüht der Devotionalienhandel. Kerzen wechseln den Besitzer, Rosenkränze, Schneekugeln mit winzigen Modellen der Basilika. Wie schrieb schon Wilhelm Busch: Zu Padua war groß Gedränge der andachtsvollen Christenmenge.

Das Café Pedrocchi in Padua
Das Café Pedrocchi in Padua ist Treffpunkt von Touristen und Studenten in Padua.
Extratipp
Der Ring der Euganeischen Hügel ist der Radweg, der auf einer Länge von 64 Kilometer um den Regionalpark verläuft. Die Strecke ist einfach, fast immer flach, abgesehen von einem kurzen Anstieg am Monte Sereo, und nutzt die Dämme der vielen Kanäle, die die Euganeischen Hügeln umgeben. Die Straße ist größtenteils asphaltiert. Der Ring kann in beide Richtungen befahren werden. In Abano Terme, Monselice und Este gibt es zusätzlich Zugstationen.

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3 Kommentare

  1. Danke für den interessanten und informativen Einblick in Deine Reise. Wenn wir das nächste Mal in die Gegend reisen, müssen wir uns näher damit beschäftigen.
    Liebe Grüße
    Anja von Castlemaker.de

  2. Hallo Roswitha,

    danke für diesen ausführlichen Bericht! Ich hatte schon länger überlegt, ob die Region eines unserer nächsten Reiseziele wird, gerade Abano konnte ich mir nicht so richtig vorstellen mit Busladungen voller Kurgäste. Das scheint sich ja geändert zu haben und Italien besteht aus heilsamen Quellen, das nutze ich auch gerne aus. Die Kulturschätze sind sowieso der Hammer, gerade auch in dieser Region. Klasse! Deinen Bericht habe ich mir gleich mal abgespeichert unter „bald mal hinfahren“.

    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      ja die Ecke ist superschön. Klar, gibt es in Abano noch immer viele Kurgäste, aber man kann dem ganzen Trubel auch sehr gut aus dem Wege gehen. Wenn man mobil ist, kann man wunderschöne Ecken entdecken.

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